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Job & Karriere

Zwei Freiburger erzählen vom mühsamen Studium mit Handicap – trotz neuer Hilfen

Seit März hat die Uni Freiburg einen Hilfsmittelpool für Studierende mit Handicap. Sie können dort mobile Hochleistungsgeräte ausleihen. Der fast blinde Markus Stratz hat dennoch im Studium zu kämpfen. Genau wie Rollstuhlfahrer Philipp Mackensen. Beide sagen: Nur wer Hilfe einfordert, bekommt sie. Der Weg dahin ist oft lang und schwer.

 
 

Mit Markus Stratz zu kommunizieren, ist kein Problem: Der 34-Jährige schickt WhatsApp-Nachrichten, antwortet auf E-Mails und ist auf Facebook – obwohl der Jurastudent fast nichts sieht. Im Arbeitsraum für Blinde und Sehbehinderte der Freiburger Unibibliothek (UB) wird schnell klar, wie Stratz den Durchblick behält: mit moderner Technik und blitzschnellen Reaktionen. In Windeseile arbeitet er sich durchs I-Phone-Menü – eine Computerstimme liest die Menüpunkte vor. Sein Rechner zoomt zudem Schrift auf Maximalgröße, so kann er sie gerade so erkennen.

„Ich will nix mehr anderes als das Smartphone“, sagt Stratz. Etwa 50 Apps machen ihm das Leben leichter. Ein Studium ohne smarte Technik kennt der Hobbyschlagzeuger zu Genüge: Seit 2005 ist er an der Uni, eine Zeit, in der Farbdisplays etwas Besonderes waren. Sein „Röhrenblick“ ist der Grund fürs langsame Studium: Auf dem linken Auge sieht er zehn Prozent, auf dem rechten nichts.

Mindestens doppelt so lange wie andere brauche er, um etwas zu lesen. Bei den Examensvorbereitungen vergangenes Jahr wurde es ihm zu viel: Er stellte um auf einen Screen-Reader, der ihm Texte vorliest. „Jetzt klappt’s besser“, sagt Stratz. Einen solchen Reader gibt’s im neuen Hilfsmittelpool (siehe unten). Diese Geräte leihen zu können, findet Stratz super. Denn oftmals dauere es Monate, bis Anträge für die Anschaffung technischer Hilfsmittel genehmigt seien. Gerade zum Studienstart sei das für viele ein Problem.

Nicht nur das Lesen bremst Stratz: Zusätzlich muss er Anträge beim Prüfungsamt oder Behörden stellen, um mehr Zeit für Klausuren oder Ausgaben erstattet zu bekommen. „Man muss immer wieder Kämpfe führen“, sagt er. Die Juristen seien am knausrigsten mit Prüfungsverlängerungen. Auch die Baustellen am Platz der Alten Synagoge machen ihm zu schaffen.

Dennoch ist er glücklich, überhaupt studieren zu können. Dass es länger dauert, sei normal. An mangelndem Fleiß liegt’s nicht: Acht Stunden täglich arbeite er mindestens – je nach Tagesform. Doch alle 15 Minuten muss er eine Lesepause machen, da die Augen sonst zu sehr ermüden. Kein Wunder, sein Kopf ist beim Lesen nur Zentimeter vom Handydisplay entfernt – die einzige Chance, etwas zu erkennen.

 

Vorbildlich: Philipp Mackensen studiert trotz Einschränkungen Romanistik und Geografie.

 

Mit den Augen hat Philipp Mackensen keine Schwierigkeiten. Der 21-Jährige sitzt im Rollstuhl, leidet an der Muskeldystrophie Duchenne, seine Beine und Arme werden zunehmend schwächer. Dennoch lässt sich der Romanistik- und Geografie-Student nichts verbauen: Im Wintersemester war er für ein Erasmus-Semester in Padua. Zwei Freiburger Helfer haben ihn dafür begleitet, jetzt bemüht er sich um Zuschüsse vom Landratsamt: „Es ist ein Kampf mit der Behörde“, sagt er beim Gespräch in der UB.

Seine Krankheit schwächt ihn, er kann nur langsam schreiben. Für Prüfungen hat er deswegen – wie Markus Stratz auch - 50 Prozent mehr Zeit. Eine Studienassistentin der Arbeiterwohlfahrt (AWO) begleitet ihn auf Schritt und Tritt. „Damit ich nirgendwo runterfalle und keinem über die Füße fahre“, sagt Mackensen. Eine Begleiterin zu haben, sei „chillig“, aber vor allem nötig, um überhaupt studieren zu können.

Der Uni Freiburg gibt er in Sachen Zugänglichkeit die Note zwei. Er komme mit dem Rollstuhl überall hin – auch wenn es manchmal schwierig ist. Zum Beispiel sei das Sprachlabor nur über die Tiefgarage zu erreichen. Und für den Weg vom KG III ins KG I habe er anfangs 15 Minuten gebraucht. Bis er eine Rampe entdeckte, die den Weg verkürzt. Das Knowhow muss man sich erarbeiten: „Man muss einfach auf die Leute zugehen, sonst passiert nichts“, sagt Mackensen. Die Hilfsbereitschaft der Dozenten und Kommilitonen sei groß.

Bisher wohnt Philipp Mackensen noch in Laufen bei seinen Eltern. Im April möchte er in ein Freiburger Wohnheim ziehen. So habe er mehr Freiheiten und könne auch mal bei einer Studienfeier dabei sein, hofft er. Für seine Versorgung sucht er derzeit Helfer – bis zu 20.000 Euro im Monat würde eine professionelle Vollzeitbetreuung kosten – zu viel für die Familie, berichtet sein Vater.

Für solche Fälle ist Beate Massell die Ansprechpartnerin. Die 55-Jährige ist Beauftragte für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung. „Sehr nett und kompetent“, schwärmt Mackensen. Auch Stratz sieht das so. Er hat Massell bei der Auswahl der Geräte für den Hilfsmittelpool unterstützt. Nicht nur damit kennt er sich aus. Auch sein Orientierungssinn ist exzellent. „Vertraut einem Blinden, dann kommt ihr ans Ziel“, sagt Stratz und lacht. Sein eigenes Ziel ist nicht mehr weit: In einem Jahr will er den Jura-Abschluss in der Tasche haben.

 

 

Der Hilfsmittelpool

 

Zur Ausleihe stehen seit März 2017 ein leistungsstarker Laptop und Programme, um Texte zu vergrößern und vorlesen zu lassen. Das mobile Kamerasystem „Topolino Smart“ kann Papiervorlagen und Tafelbilder vergrößern, aufnehmen, speichern und vorlesen. Blinde Studierende können eine Braillezeile ausleihen, die Texte in Blindenschrift darstellt. Sie lässt sich mit Computern oder Smartphones verbinden. Zudem gibt es eine drahtlose Tonübertragungsanlage für Studierende mit Hörschwäche, ADHS oder Autismus-Spektrum-Störung.

Engagiert: Beate Massell hilft, wo sie kann. 226 Studierende hat sie in eineinhalb Jahren bereits beraten.

 

Seit dem Wintersemester 2015 hat die Universität Freiburg eine eigene Anlaufstelle für Studierende mit Beeinträchtigungen. Beate Massell ist im „Service Center Studium“ Ansprechpartnerin für Fragen aller Art. Dort können Betroffene auch die neuen Geräte ausleihen. 226 Studierende mit Einschränkungen hat Massell bereits beraten. Tendenz steigend. Von knapp 2000 Betroffenen an der Uni geht sie aus. Nur bei etwa 100 sei die Behinderung sichtbar, bei 450 sei die Erschwernis sehr stark. „Der Stresspegel ist oft so hoch, dass viele nach ein paar Jahren in die Knie gehen“, sagt die 55-Jährige. Bis Anträge genehmigt würden, dauere es oft Monate. Selten seien Studierende mit Handicap zum Studienstart entsprechend ausgerüstet.

Dass manche aufgeben, versteht sie gut. Zu ihr zu kommen, sei in jedem Fall hilfreich. „So können wir Brücken schlagen“, sagt Massell. An die Uni kämen ohnehin „nur echte Lebenskünstler“. Ohne einen starken Willen gehe es nicht. Vieles sei mittlerweile aber auch selbstverständlich. Zum Beispiel, dass sie zur Barrierefreiheit bei Bauvorhaben mitreden kann. Hätte sie einen Wunsch frei, würde sie einen Assistenten einstellen. Er könnte beispielsweise Studierende begleiten oder in Krisen unterstützen.

 

 

 

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