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Schule & Projekte

100.000 Süchtige: Wenn das Internet für Jugendliche zur Gefahr wird

Online, online, online. So geht es mittlerweile vielen Jugendlichen. In schlimmen Fällen wird das Internet zur Sucht. Deswegen startet die Freiburger Kampagne „Medienflut?!“. Sie soll jungen Menschen und ihren Eltern Wege in die Offline-Welt zeigen. Wie brisant das Thema ist, zeigt eine neue Diagnose der Weltgesundheitsorganisation WHO. Und eine Studie der Krankenkasse DAK-Gesundheit rüttelt auf.

 
 

100.000 junge Menschen in Deutschland sind abhängig von Social Media. Das zeigt eine Studie von DAK-Gesundheit und dem Deutschem Zentrum für Suchtfragen mit 12- bis 17-Jährigen. Betroffen sind 2,6 Prozent der Kinder und Jugendlichen. Die im März vorgestellte Untersuchung hat das Phänomen erstmals repräsentativ erforscht. Rund zweieinhalb Stunden am Tag verbringen Jugendliche demnach im Schnitt mit sozialen Medien. In extremen Fällen kann das zu gesundheitlichen Schäden führen, so die Experten. Schlafmangel, Realitätsflucht oder Streit mit den Eltern seien die Folgen des digitalen Rauschs. Auch ein Zusammenhang mit Depression wird festgestellt.

In Freiburg brodelt es ebenfalls rund um exzessiven Medienkonsum: „Das ist ein Dauerbrennerthema, es sorgt für massive Verunsicherung“, berichtet Melanie Pfeifer vom Jugendhilfswerk (JHW) Freiburg. Die Medienpädagogin ist Teil eines fünfköpfigen Teams, das kürzlich die Aufklärungskampagne „Medienflut?!“ vorgestellt hat. Sie soll mit Flyern und Hilfsangeboten für den richtigen Umgang mit Games, WhatsApp und Co. sensibilisieren.

Initiatoren sind das Freiburger JHW und der Baden Württembergische Landesverband für Prävention und Rehabilitation (bwlv). Ihre Kampagne richtet sich an vier Altersgruppen: Zwei- bis Fünfjährige, Sechs- bis Zwölfjährige sowie Jugendliche und junge Erwachsene. „Die Risiken der digitalen Medien ändern sich mit dem Alter“, sagt Carmen Kunz, Medienpädagogin des JHW. Die zielgruppengerechte Aufklärung sei bei dem Thema einmalig in Deutschland. Kleinkindern wird wenig Konsum empfohlen, Eltern sollen sich bei Auffälligkeiten an Beratungsstellen wenden, heißt es.

Die Medienflut-Macher: Jonas Zinser, Melanie Pfeifer, Klaus Limberger, Carmen Kunz, Sabine Lang.

„Wir kommen aus der Nummer nicht mehr raus“, sagt Jonas Zinser zur Onlineproblematik. Der Regionalgeschäftsführer der Barmer-Krankenkasse in Freiburg sieht dringenden Handlungsbedarf und unterstützt die Kampagne. Prävention und Aufklärung sei gefragt. „Braucht man mit drei, vier oder fünf Jahren schon ein Handy? Wir sagen nein“, betont Klaus Limberger von der Fachstelle Sucht Freiburg, des bwlv. Er nennt Merkmale, an denen eine unnormale Nutzung festzumachen sei: „Wartet jemand den ganzen Tag nur aufs Spielen? Werden Schule, Beruf oder Freunde deswegen unwichtig?“ Das seien eindeutige Anzeichen. Limberger rät, sich in solchen Fällen Hilfe zu holen. Zum Beispiel beim bwlv, der in Freiburg eine Suchtberatung anbietet.

Online-Sucht ist ein globales Phänomen, zeigt ein Schritt der Welthandelsorganisation WHO: Sie erkennt seit neustem Computerspielsucht als eigenständige Diagnose an. „Gaming Disorder“ heißt die Störung offiziell, sie steht im neuerdings im sogenannten ICD-11-Katalog. Erfasst werden damit Online- und Offline-Spieler, die so viel zocken, dass sie ihr reales Lebens maßlos vernachlässigen. Durch die offizielle Diagnose können Ärzte und Psychologen Behandlungen leichter abrechnen und von Kassen finanziert bekommen.

Betroffen sind oft junge Menschen zwischen 20 und 30 Jahren, sagen die Macher der Medienflut-Kampagne. Von 400 Beratungen im Jahr rund um das Thema berichtet Medienpädagogin Kunz. Bei 95 Prozent aller Gespräche schwinge das Thema Mediennutzung mit. Bei etwa jedem achten Fall könne man von einer exzessiven Nutzung sprechen. Die Herausforderung für sie und ihre Kollegen: „Das ist ein neues Problem, wir können nicht aus Erfahrungen schöpfen“, sagt Kunz.

Der Druck auf Betroffene sei oft extrem hoch. Zwei, drei Mal hat sie ganz extreme Fälle erlebt: „Der Jugendliche hatte keinen Kontakt mehr nach außen.“ Anstatt aufs Klo zu gehen, habe er in eine Flasche gepinkelt, um schnell weiterspielen zu können. Im Idealfall versuche man in so einer Situation mit der Familie des Betroffenen eine Lösung zu finden. Wichtig sei, früh Regeln aufzustellen, sagt Klaus Limberger. Zum Beispiel: Beim Essen kommen die Handys weg.

Level 6

Für Betroffene und ihre Eltern gibt es das Angebot „Level 6“ des Jugendhilfswerks Freiburg. Es schult mit Gruppenangeboten, Beratungen und einem Elterncafé den verantwortungsbewussten Umgang mit Medien. Mehr auf: www.level-6.net.

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