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Leute & Leben

„Umweltfreundlicher geht nicht": Drei Karlsruher entwickeln essbaren Strohhalm

Millionen Tonnen von Plastiktrinkhalmen werden jährlich produziert. Der Abfall verschmutzt Ozeane und Landstriche und zerfällt erst nach hunderten von Jahren. Drei Studenten aus Karlsruhe haben eine Alternative geschaffen: einen essbaren Trinkhalm. EatApple-Gründer Konstantin Neumann erzählt im Interview mit Paulina Henning von Lange, wie die Erfindung die Welt sauberer machen soll.

 
 

f79 // Konstantin, wie kann man sich euren essbaren Trinkhalm vorstellen? Und: Schmeckt der überhaupt?
Neumann //
Der Trinkhalm besteht aus dem Abfallprodukt, das bei der Apfelsaftproduktion anfällt: Trester. Der wird auch als Tierfuttermittel verwendet, ist aber sehr vitaminhaltig und gesund. Der fertig konzipierte Trinkhalm ­schmeckt wie ein Fruchtriegel, hat die Konsistenz von La­kritze und hält sich bis zu acht Monate.

f79 // Ihr schreibt auf eurer Seite von „jahrelanger Forschung“. Was ist daran so kompliziert?
Neumann //
Das Wichtigste war, die richtige Konsistenz mit dem perfekten Geschmack zu kombinieren. Wir mussten mit Trockensubstanz arbeiten, die optimale Rezeptur zu finden war nicht einfach. Mitte 2015 hat’s begonnen, nun ist es geschafft.

f79 // Umweltfreundliche Strohhalme gibt es schon. Was macht euren besonders?
Neumann //
Glas oder Edelstahl muss gewaschen werden, bei Papier entstehen Abfälle. Unser Trinkhalm kann nach Gebrauch verzehrt werden. Und wenn er nicht gegessen wird, löst er sich auf dem Kompost innerhalb eines Tages in seine natürlichen Bestandteile auf. Er ist der erste Trinkhalm, der komplett aus Fruchtresten besteht – umweltfreundlicher geht nicht.

f79 // Euer Strohhalm kostet bis zu ­50-mal mehr als der aus Plastik (20 Stück für 14,99 Euro). Ist das konkurrenzfähig?
Neumann //
Momentan kann er nicht mithalten. Das Ziel ist es, bis Anfang Herbst 2018 eine voll funktionsfähige Produktion auf die Beine zu stellen und somit die Produkte preisgünstiger auf den Markt bringen zu können.

Die Halm-Erfinder: Danilo Jovicic (von links), Konstantin Neumann und Philipp Silbernagel.

 

f79 // Erdbeere ist jetzt neu ins Sortiment gekommen. Auch aus Apfelresten hergestellt?
Neumann //
Ja, Apfeltreste ist auch hier die Grundlage. Erdbeermark sorgt für den Geschmack. Den jüngsten Entwicklungen nach besteht aber die Möglichkeit, getrocknete Erdbeerfasern hinzuzufügen. Geschmacklich wäre das ein Fortschritt. Außerdem planen wir, essbare Löffel oder Becher zu entwickeln – alles, was Gebrauchsgegenstände anbelangt.

f79 // Wer garantiert, dass keine Chemie drin ist?
Neumann //
Da ich Lebensmittelwissenschaften studiere, sind mir nachhaltige und hochwertige Inhaltsstoffe in der EatApple-Rezeptur sehr wichtig. Zertifiziert wurde uns das vom deutschen Institut für Lebensmitteltechnik.

f79 // Wie viele Strohhalme habt ihr bis jetzt verkauft?
Neumann //
Insgesamt um die 350.000 und das europaweit. Was neue Bestellungen angeht, haben wir Anfragen im zweistelligen Millionenbereich. Viel liefern können wir momentan leider nicht, da wir auf Bauteile für die neue Produktion warten. Aber sobald alles steht, geht’s richtig los!

f79 // Wie viel müsst ihr verkaufen, um die Kosten zu decken?
Neumann //
Wenn wir pro Monat eine Millionen Trinkhalme verkaufen, sollte das für die entstandenen Kosten locker reichen. Es ist geplant, dass wir bis Ende des Jahres profitabel sind. Für ein so junges Start-up ging das wirklich schnell.

f79 // Wie viele seid ihr im Team?
Neumann //
Wir sind momentan zu acht – wir drei Gründer und fünf Praktikanten.

f79 // Seht ihr euch als Öko-Aktivisten?
Neumann //
Ja, wir versuchen wo es geht ein Bewusstsein für den Umgang mit Plastik zu schaffen. Das machen wir in Form von Vorträgen und der Einführung von Nachhaltigkeits-Unterricht an Schulen. Geplant sind außerdem sogenannte „Clean Up“-Projekte, mit denen wir die Plastikräumung an Stränden vorantreiben wollen – auch international.

f79 // Momentan wird in der EU das Verbot von Plastiktrinkhalmen diskutiert. Geht euch das als politisches Engagement weit genug?
Neumann //
Dass der Gedanke da ist, ist definitiv ein Fortschritt. Bei solchen Beschlüssen handelt es sich aber meist nur um Richtlinien. Inwiefern die jeweiligen Länder diese dann umsetzen, bleibt ihnen überlassen. Es wird nicht den großen Wandel hervorrufen, den man bei dieser doch sehr ernsten Problematik gerne sehen würde.

f79 // Was sind die schönsten Reaktionen auf euer Produkt?
Neumann //
Da war alles dabei. Die meisten waren im positiven Sinne überrascht vom Geschmack und der Konsistenz. Es ist vor allem schön zu sehen, dass sich der Nachhaltigkeitsgedanke unseres Produktes auf andere überträgt und in der heutigen Konsumgesellschaft präsenter wird.

 

Plastiktrinkhalme – Zahlen und Fakten

Weltweit werden jährlich circa drei Millionen Plastiktrinkhalme weggeschmissen. In Deutschland allein entstehen so schätzungsweise 28.000 Tonnen Plastikmüll im Jahr. Laut einer Studie soll bis 2050 mehr Plastik als Fische im Meer schwimmen. Mehr Infos zu eatapple auf: www.wisefood.de

 
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