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Job & Karriere

Kreativ und nachtaktiv: Melina wird Bäckerin und muss dafür um 2 Uhr morgens starten

Immer wieder hört man von Nachwuchssorgen im Handwerk. Auch Bäcker tun sich schwer, gute Leute zu finden. Dabei ist der Job kreativ und erfüllend, weiß Melina Dold. Die Freiburgerin macht Brezeln, wenn andere schlafen. Ab September bekommt die Auszubildende mehr Geld. Ein guter Schritt, findet der oberste Bäcker der Region.

 
 

Heiß ist es in der Backstube. Vor Melina türmen sich schwarze Bleche. Darauf sind Streusel, die sie durch ein Sieb drückt. „Die Brezeln sind längst gemacht“, sagt die 21-Jährige und lacht. Es ist acht Uhr morgens. Seit sechs Stunden ist sie im Einsatz. Seit acht Stunden auf den Beinen. Um 10.30 Uhr ist für sie Feierabend in der Bäckerei Lay in Freiburg-Wiehre.

Melina ist ein selten gewordener Fall: Denn immer wieder gehen Bäcker bei der Suche nach Azubis leer aus. „Vor drei, vier Jahren war es ganz schlimm“, sagt Philipp Lay, Chef der gleichnamigen Bäckerei. Nun freut er sich, Melina Dold im Team zu haben. Zusätzlich hat er zwei Geflüchtete eingestellt. Als Traditionsbäcker habe er bisher immer jemanden gefunden, einfach sei es aber nicht, sagt Lay. Der 39-Jährige mag seinen Beruf, das Kreative und Schöpferische, die zufriedenen Kunden.

Auch Melina sieht das so. Klar sei es hart, um 2 Uhr auf den Beinen zu sein. Aber für ihre Zukunft tut sie das gerne. „Mir macht das richtig Spaß“, sagt die junge Frau im weißen Bäckerdress auf der Terrasse des Ladens. Zuvor arbeitete sie vier Jahre im Einzelhandel, hatte dann aber die Nase voll. In einer Silvesternacht wurde es konkret: Sie machte mit ihrer Cousine Neujahrsbrezeln. Da kam ihnen die Idee, sich eines Tages gemeinsam selbstständig zu machen. Melina als Bäckerin, ihre Cousine als Verkaufsleiterin. Da sie die Bäckerei Lay als Kundin kannte, bewarb sie sich dort – und wurde prompt genommen.

Seit einem Jahr ist sie nun in Ausbildung. Ein halbes Jahr hat es gedauert, sich an die Arbeitszeiten zu gewöhnen. „Ich brauche meine sieben, acht Stunden Schlaf“, sagt Melina. Also geht sie um 16 Uhr ins Bett. Um Mitternacht klingelt der Wecker. Um 2 Uhr steht sie meistens in der Stube. Der Vorteil: Wenn andere im Büro sitzen, hat sie frei. Kann ins Freibad oder ausspannen.

35 junge Menschen haben 2018 bis zum 31. Juli eine Ausbildung als Bäcker im Bereich der Handwerkskammer Freiburg begonnen. Zum Vergleich: Im Jahr 2017 waren es im gleichen Zeitraum 40, im Jahr davor noch 31. Der Trend ist damit verhalten positiv. „Die Stimmungslage ist trotz Nachwuchssorgen gut“, sagt Johannes Ruf. Der Obermeister der Bäckerinnung Freiburg Breisgau-Hochschwarzwald erhofft sich einen baldigen Aufschwung. Backen müsse zelebriert werden wie das Kochen. „Es geht in die richtige Richtung“, sagt Ruf. Gerade auch im Kampf gegen Discounter müsse man sich als Bäcker eine Nische suchen. Qualität und Experimentierfreude sei gefragt.

Der Job sei reizvoll, die Attraktivität aber ausbaufähig, sagt Ruf. Ein Hebel sei das Gehalt. Erst kürzlich wurden da Tatsachen geschaffen: Bis zu 65 Euro mehr bekommen Bäcker-Lehrlinge laut Tarifvertrag ab September bundesweit. Im darauffolgenden Jahr sind es noch einmal bis zu 50 Euro. „Die Erhöhung ist gut, das Gehalt aber immer noch zu niedrig“, sagt Philipp Lay. 565 Euro brutto verdient ein Bäcker-Lehrling ab September in Deutschland im ersten Jahr. 670 Euro sind es im zweiten. 800 im dritten.

Für Melina ist die Gehaltserhöhung super, aber nicht entscheidend: „Ich will mir etwas aufbauen, dafür kann man auch ein bisschen die Zähne zusammenbeißen.“ 10.30 Uhr ist es jetzt. Andere schalten gerade den Rechner an. Melina hat Feierabend.

 

 

 

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