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Sport & Freizeit
Ein Jahr Texas - Football mit Musik und Weihnachten in Flip-Flops
Meine ersten Schritte im Land der unbegrenzten Möglichkeiten
Nur allzu gut kann ich mich noch an den Sommertag vor ungefähr fünf Monaten erinnern. Nach insgesamt 14 Stunden Flugzeit und einer katastrophalen Zwischenlandung auf dem internationalen Flughafen in Washington, D.C., bin ich endlich an meinem Zielflughafen, Dallas/Fort Worth, Texas angekommen. Meine Gasteltern haben schon sehnsüchtig auf meine verspätete Landung gewartet und mich sofort erkannt. Mit Blumen, Willkommensplakaten und Handgepäck bepackt und total überwältigt voll neuer erster Eindrücke sind wir richtig zur Gepäckausgabe gewandert. Ich war total nervös und wollte nichts Falsches sagen oder machen. Und so standen wir am Laufband und warteten und warteten – Sabrinas Koffer kamen einfach nicht. Nachdem wir im Flughafenbüro eine Suchanzeige aufgegeben hatten, begaben wir uns Richtung Auto und meine Gastmutter machte einen Kommentar, dass wir so lang wie möglich im Gebäude zum Parkplatz gehen sollten.
Als sich die Türen öffneten und mir der Atem stehen geblieben war, wusste ich warum. Die texanische Hitze hat mir augenblicklich die Luft genommen und ein unbeschreibliches, unangenehmes Gefühl kam in mir auf. Nachdem ich meine erste Begegnung mit scharfem texanischem Essen in einem Restaurant namens Chili´s gemacht hatte, kam die nächste Herausforderung: Kleidergrößen herausfinden in einem 24-Stunden-7-Tage-die-Woche-364-Tage-im-Jahr Walmart Supercenter, da ich ja nur die Kleidungsstücke an meinem Körper mit mir hatte und mir nichts sehnlicher wünschte als eine Dusche und ein Bett.
Die High School
Nach ein paar härter als erwarteten schmerzhaften Tagen machten wir uns auf den Weg zur Schule für meine Kurswahl. Innerhalb von ein paar Minuten stand fest: Ich werde offiziell als Senior eingestuft und werde alle Tests und Prüfungen machen, um das „Amerikanische Diplom“ am Ende des Jahres zu erhalten. Am gleichen Tag wurden gleich Abschlussklassenfotos für das Jahrbuch von mir gemacht und ich habe ein ganzes Informationsbuch über die Graduation (Zeremonie, in der die Abschlussklasse die Diploms erhält) im Mai bekommen.
Als eines meiner Wahlfächer hatte ich Band im Hinterkopf und alle waren sofort begeistert und haben mich eingeladen, am nächsten Morgen bei der Probe doch mal vorbeizuschauen, denn, obwohl noch Ferien waren, das Schulorchester übte schon jeden Tag. Und so wurde ich ein Bandmitglied und bin von diesem Tag an für die nächsten zwei Wochen jeden Morgen um 7 Uhr in weißem T-Shirt und viel Wasser vor der Schule gestanden. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen hässlich, aber ich glaube, ich habe in diesen zwei Wochen in der Sonne mehr geschwitzt als in meinem ganzen Leben zuvor.
Das System an einer amerikanischen Schule
Wie im Flug kam der erste Schultag näher und ich hatte schon meine ersten Freunde. Die Unterschiede im amerikanischen und deutschen Schulsystem sind größer, als ich es erwartet hatte. Der offensichtlichste Unterschied ist, dass man nach jeder Stunde wandert. Die Lehrer haben ihre eigenen Klassenzimmer und Schüler wechseln die Räume alle fünfzig Minuten. Die Schule beginnt jeden Tag um 8:20 Uhr und endet offiziell um 3:20 Uhr. Jedoch geht fast niemand um diese Zeit nach Hause. Nahezu alle Schüler nehmen an außerschulischen Aktivitäten teil, haben Training für die unzähligen Sportarten oder proben für das Schulorchester, die Theatergruppe und den Chor. High School heißt nicht nur Unterricht, sondern man legt besonderen Wert auf den sozialen Bereich. Meiner Meinung nach verlieren viele Lehrer und Schüler manchmal aus den Augen, was in einer Schule am wichtigsten sein sollte - das Lernen.
Allerdings macht es auch sehr viel Spaß in solchen Gruppen aktiv zu sein. Das Orchester – Spirit of Sanger High School Band – ist wie eine große Familie und hat mich herzlich und nett aufgenommen. Während der Footballsaison haben wir jeden Freitagabend für das Team gespielt, um Fans und Spieler in die richtige Stimmung zu versetzen. In den Halbzeiten haben sich dann alle 90 Mitglieder der Band auf das Feld begeben, um die Marching Show zu präsentieren. Eine weitere Abweichung zu deutschen Schulen ist der Stundenplan. Diesen arbeitet man am Anfang des Jahres mit den Counselor (Berater) aus. Individuell abgestimmt hat man jeden Tag die exakt sieben gleichen Fächer, in der gleichen Reihenfolge und Länge. An meiner High School gibt es drei verschiedene Mittagspausen und je nach Stundenplan hat man Lunch A, B oder C. Wobei ich als Lunch C Student relativ schnell festgestellt habe, dass die Weisheit „Den Letzten beißen die Hunde“ wirklich wahr ist.
My Host Family & Friends
Auch wenn mein Leben hier zum größten Teil aus Schule besteht, es gibt auch noch andere wichtige Dinge: meine Gastfamilie und meine neuen amerikanischen und internationalen Freunde.
Meine Gastfamilie hat mich mit offenen Armen aufgenommen und ich werde immer mehr ein Teil der Familie. Sehr schnell habe ich realisiert, dass amerikanische Eltern eine andere Vorstellung von Jugendlichen haben. Die Erwartungen an ihre Kinder weichen ebenfalls ab. Ich habe eine Liste mit meinen so genannten „Chores“, genau festgelegte Aufgaben im Haushalt, erhalten und mein Gastbruder und ich müssen nahezu für jeden Schritt um Erlaubnis fragen. Diese Einschränkung meiner Freiheit war zuerst sehr hart für mich, da ich komplett andere Regeln in Deutschland hatte. Jedoch wurde es viel leichter, als ich gelernt habe, diese neue Welt zu akzeptieren.
Es ist sehr wichtig als Austauschschüler, dass man eine total positive innere Einstellung hat. Andernfalls wird man sehr schnell deprimiert und fühlt sich einfach am falschen Platz. Selbst nach einigen Monaten muss ich mir ab und zu immer wieder sagen „It’s not bad, it’s just different“ (Es ist nicht schlecht, es ist einfach nur anders) oder „There are no problems, there are just challenges“ (Es gibt keine Probleme, nur Herausforderungen). Ich habe gelernt, dass man immer eine Wahl hat – jeden Tag, jede Minute und in jeder Situation. Es ist sehr wichtig, mit welchen Leuten man sich umgibt und ich habe für mich persönlich entschieden, dass alles Negative und Schlechte aus meinen Leben verbannt werden soll. Dieses Jahr ist nicht immer leicht, weit weg von Familie, Freunden und allem Vertrauten. Jeder Tag ist eine neue Herausforderung und hat das Potential, der beste meines Lebens zu werden.
Meine Feiertage in den Staaten
Die besten Tage, die ich bisher hatte, waren Tage, an denen wir verreist sind und interessante Sachen unternommen haben. So haben wir zum Beispiel meinen älteren Gastbruder im Nachbarstaat Louisiana besucht. Er ist dort von der Air Force aus stationiert und da das Militär seinen Geschmack sehr beeinflusst hat, hatten wir kein traditionelles Essen an Thanksgiving sondern hatten stattdessen Mexikanisch . Den traditionellen Truthahn und alles, was dazu gehört, gab es dann nachträglich an Weihnachten. Die Festtage waren leichter, als ich es mir vorgestellt habe, und ich habe die freien, ruhigen Tage sehr genossen. Nach Weihnachten haben wir unseren ersten größeren Ausflug gemacht. Auf dem Weg zu unserem Ziel San Antonio im Süden Texas haben wir einen Stopp in unserer Landeshauptstadt Austin eingelegt. Ich war zutiefst beeindruckt von dem State
Capitol und dem Gefühl, welches mir die Stadt verliehen hat.
Als wir endlich in San Antonio, der Geburtsstadt meiner Gasteltern, angekommen sind, war ich fast sprachlos. Palmen, Tops und FlipFlops an Weihnachten- es war einfach wundervoll. Wir hatten ein paar unglaubliche Tage im Süden und haben so viel gesehen. Der Streifzug durch die Geschichte von Texas war beeindruckend und das Alamo, eine berühmte, wichtige Mission im Herz der Stadt, lockt jährlich Millionen von Touristen aus der ganzen Welt an. Die besten Stunden hatten wir zusammen am Riverwalk, eine verzweigtes Netz von Fußwegen entlang des San Antonio Rivers. Die Weihnachtsbeleuchtung entlang des Flusses war beeindruckend und märchenhaft. Den deutlich bemerkbaren mexikanischen Einfluss im Süden Texas fand ich sehr interessant und aufschlussreich.
Ein Jahr, welches mich sehr geprägt hat...
Nach einer meiner Meinung nach viel zu kurzen Pause sind wir dann ein Tag nach Neujahr schon wieder in die Schule gegangen. Ich gehe voller positiver Energie in das neue Jahr und versuche jede Sekunde zu genießen. Ich habe innerhalb der letzten paar Monate mehr über mich selbst und mein Leben gelernt als wahrscheinlich jemals zuvor. Man realisiert hier Dinge und die Augen öffnen sich am laufenden Band. Ich hatte schon immer eine wundervolle Beziehung zu meinen Eltern und meiner Familie, jedoch vermisse ich sie so sehr, dass ich all das noch viel mehr schätze. Ich bin sehr dankbar für meine Zeit hier, freue mich aber auch schon wieder auf Deutschland. Ich kann jetzt voller Stolz sagen, dass ich Deutsche bin und muss mich nicht mehr dafür schämen. Die meisten Mitschüler und Lehrer sind neugierig und wollen ganz viel über mein Leben und meine Kultur wissen. Europa scheint so weit entfernt und es ist mir eine Ehre, eine Botschafterin zu sein.
Dieses Jahr ist eine Lebenserfahrung, die ich niemals vergessen werde und die mir niemand nehmen kann. Egal ob schlechter Tag oder guter Tag, man sollte immer aus seinen Fehlern und der Vergangenheit lernen. Es spielt keine Rolle, wie oft man fällt, entscheidend ist, dass man wieder aufsteht. Man muss für seine Träume kämpfen und wer nicht versucht sein Ziel zu erreichen, hat am Start schon verloren. Ich habe gelernt, dass das Leben nicht immer leicht ist, aber man sollte niemals aufgeben und immer nach dem Licht am Ende des Tunnels suchen. Jeder noch so lange Tunnel hat ein Ende und solange man Mut und Geduld nicht verliert, wird man im Herzen glücklich – und das ist im Endeffekt alles, was zählt.
Ein Artikel aus "Financial t('a)ime", Schülerzeitung der Kaufmännischen Schule (mit Wirtschaftsgymnasium) Tauberbischofsheim.
im weiteren WWW:
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