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Schule & Projekte

Wander-Ausstellung: Schüler zeigen Schrecken des KZ Natzweiler

Was bleibt vom Horror des Holocausts? Mehr als 70 Jahre nach dem Grauen sind viele Spuren verwischt. Rund 300 Studenten aus dem Elsass, Lothringen und Baden-Württemberg wollen das mit einer wandernden Foto-Ausstellung ändern: Sie sind zu den Orten des Entsetzens gefahren und haben Fotos gemacht und Bilder gezeichnet. Ziel waren das KZ Struthof-Natzweiler und seine Außenlager auf beiden Rheinseiten. Die Werke sind bis Anfang März im Lycée Ort in Straßburg zu sehen.

 
 

„Wer weiß das heutzutage noch?“, fragen die Schüler von 15 Lycées und Gymnasien im Grenzgebiet. Ihre deutsch-französische Ausstellung soll an die mehr als 50 Außenlager erinnern, die es zu NS-Zeiten auf beiden Rheinseiten gab. Zwei Monate haben die jungen Künstler daran gearbeitet. Seit Januar sind die preisgekrönten Ergebnisse im Straßburger Lycée Ort zu sehen.

„Wie eine Krebszelle in einem kranken Körper hat Natzweiler das Elsass, Teile Lothringens und die heutige Bundesländer Rheinland-Pfalz, Hessen und vor allem Baden-Württemberg mit seinen Metastasen überzogen“, steht auf der Infotafel zur Ausstellung. Viele wissen heute wenig über die Gräueltaten in ihrer Region. Das Lycée Ort (Straßburg) hat deswegen mit dem Europäischen Zentrum des deportierten Widerstandskämpfers (CERD) entschlossen, sich auf die Spuren der Vergangenheit zu begeben.

Projektleiter Richard Aboaf lehrt seit 35 Jahren Kunst am Lycée Ort. Die Arbeit dort konzentriert sich auf den Holocaust, erklärt der 63-Jährige. Denn das Lycée sei eine jüdische Institution, die während des Krieges zum Zentrum der Gestapo wurde. „Nach 1945 war es notwendig, diesen mit Gräueltaten beladenen Ort zurückzuerobern, wo viele Juden gefoltert und ermordet waren“, betont Aboaf.

 



Das Problem dabei: „Die Lager - und die Frage der französischen Verantwortung - sind in Frankreich ein Tabuthema“, sagt Aboaf. Wieso kenne man nur ein Lager und nicht die 49 anderen? „Die meisten sind in Frankreich unbekannt, weil es eine Art Leugnung gibt“, sagt er. Die Gesellschaft lehne es ab, weigere sich, darüber zu sprechen. Er bedauert diese Ignoranz: „Die Menschen, vor allem in Frankreich, kommen an einem geschichtsträchtigen Ort vorbei, ohne zu wissen, was dort passiert ist.“

„Erinnerung ist, was bleibt“, sagt Aboaf. Das einstige Grauen sei in den Mauern des Lycées verankert – genau wie in den Mauern der Außenlager, unterstreicht der Kunstlehrer. Das sei die DNA des Lycée Ort.

Die Ausstellung will Erinnerungsarbeit leisten. So auch Schülerin Enola Boyer, die große Unterschiede in beiden Ländern festgestellt hat: "In Deutschland gab es auf den Baustellen und in den alten Lagern immer eine Gedenkstätte.“ Auf der französischen Seite sei das nicht immer der Fall. „Wir mussten suchen“, berichtet Enola.

Das Projekt hat sie bewegt: „Als 18-Jährige ist es hart, mit so vielen Gräueltaten konfrontiert zu werden.“ Sie hatte Angst, an diesen leeren Orten nichts zu fühlen – oder nicht das Richtige, erzählt sie. „Wir haben uns stark damit auseinandergesetzt“, sagt Claudia Anguilar. Auch sie hat als Schülerin mitgewirkt. Das Entdeckte hat sie bewegt und beeindruckt. Genau wie ihren Lehrer: "Wir haben so viel entdeckt. Schüler und Lehrer waren auf Augenhöhe », schwärmt Richard Aboaf.

150 Fotos und Zeichnungen umfasst das Werk, das mit dem Europäischen Kulturerbe-Siegel ausgezeichnet wurde. Bis März sind sie nun noch in Straßburg zu sehen, dann geht die Reise weiter nach Stuttgart und ins KZ Struthof-Natzweiler. Im Herbst sind sie sogar im Europaparlament in Straßburg zu bestaunen.

Die Ausstellung das KZ und die Schulen


Die Ausstellung: Die Werke von „Das Konzentrationslager Natzweiler und seine Außenlager auf beiden Seiten des Rheins“ sind hier zu sehen:

  • bis Anfang März im Lycée ORT in Straßburg
  • im Juni und Juli im Haus der Wirtschaft in Stuttgart, gemeinsam mit dem Kunstprojekt „Fraternité“
  • im Sommer wandert die Ausstellung in das ehemalige Haupt- und Konzentrationslager Natzweiler-Struthof
  • im September & Oktober im Museum der Résistance „Edmond Michelet“ in Brive-la-Gaillarde (Frankreich)
  • vom 1. Oktober 2018 bis zum 5. Oktober 2019 im Europäischen Parlament in Straßburg
  • von Dezember 2018 bis Januar 2019 im Relais culturel régional de Thann (Frankreich)
  • Ende Januar 2019 im Pôle Culturel De Drusenheim (Frankreich)
  • die Schülerarbeiten werden zudem bei den einzelnen Gedenkstätten in beiden Ländern ausgestellt


Das KZ: Das Konzentrationslager Natzweiler-Struthof war von Mai 1941 bis November 1944 in Betrieb. Die Nazis nutzten es als Straf- und Arbeitslager. Es liegt bei der elsässischen Gemeinde Natzweiler, etwa 120 Kilometer nordwestlich von Freiburg. Etwa 52.000 Häftlinge wurden dort festgehalten. Rund 22.000 davon starben.

Teilnehmende Schulen: Geschwister-Scholl-Schule Tübingen, Immanuel-Kant-Realschule Leinfelden, KZ-Gedenkstätte Eckerwald, Otto-Hahn-Gymnasium Nagold, Robert-Gerwig-Gymnasium Haslach im Kinzigtal, Sibilla-Egen-Schule Schwäbisch Hall, Johannes-Gymnasium Leonberg, Auguste-Pattberg-Gymnasium Neckarelz, Liselotte-Gymnasium Mannheim, Gymnasium Spaichingen, Realschule Spaichingen Friedrich-Abel-Gymnasium Vaihingen an der Enz, Cité scolaire de la Haute-Bruche in Schirmeck, Lycée Julie Daubié de Rombas, Lycée Sheuer Kestner, Lycée ORT Strasbourg

 

 

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