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Schule & Projekte

Sozialarbeiter an Schulen: „Jeder Tag ist ein Überraschungspaket“

Lange Zeit wurde sie an Schulen als Makel gesehen, heute ist sie ein Merkmal für Qualität: Obwohl es Schulsozialarbeit in Freiburg seit 1988 gibt, arbeiten seit diesem Schuljahr erstmals mindestens ein Sozialarbeiter oder eine Sozialarbeiterin an allen 54 allgemeinbildenden Schulen. In Baden-Württemberg ist Freiburg damit führend. Doch die Arbeitsbelastung ist hoch: Im Schnitt betreut ein einziger Sozialarbeiter 413 Schüler.

 
 

Eine kleine Gruppe Schüler lehnt lässig gegen eine Wand im obersten Stockwerk der Pestalozzi-Realschule in Freiburg. Gegenüber hat Sarah Stickel ihr Büro. An einem Ort, an dem wenig aus freien Stücken geschieht, muss aber niemand ihr Büro betreten, der das nicht möchte. „Mein Angebot ist freiwillig“, macht die Sozialarbeiterin deutlich.

In dem hellen Raum steht vor einem Schreibtisch mit allerlei Unterlagen ein kleiner runder Tisch mit mehreren Stühlen. In Reichweite liegen bunte, handgroße Bälle und Taschentücher, die wohl nicht nur für die kalte Jahreszeit reserviert sind. Hier sitzen mindestens 15 Schüler die Woche und erzählen von Schwierigkeiten in der Schule, mit der Familie oder Freunden. „Jeder Tag ist ein Überraschungspaket“, sagt die 30-Jährige. Viele Gespräche handeln von Streitigkeiten zwischen Schülern verschiedener Herkunft oder Religion. „Diese Konflikte werden oft mit falschen Informationen oder Halbwissen geführt“, sagt Stickel, „und ziemlich schnell aggressiv“.

Um solchen Problemen zu begegnen, braucht es Zeit. Nur: Rechnerisch ist in Freiburg ein Sozialarbeiter für 413 Schüler verantwortlich. „Das reicht nicht aus“, findet Stickel, die 380 Schüler betreut. Sie wünscht sich einen männlichen Kollegen, mit dem sie sich im Team austauschen kann und dem sich ältere Schüler schneller anvertrauen könnten. „Ich merke schon, dass ältere Jungs nicht zu mir kommen, da habe ich einen schwierigen Bezug.“

Die Abdeckung von allen Freiburger Schulen mit Sozialarbeit ist auch für Nele Schibura nur ein erster Schritt einer langen Entwicklung. „Ich würde mir gerne mehr Zeit nehmen, manchmal habe ich das Gefühl, ich komme nicht ganz hinterher“, sagt die Sozialarbeiterin an der Staudinger Gesamtschule in Haslach. Mit zwei weiteren Kollegen ist sie für 1200 Schüler da.

„Ich habe ein offenes Büro“, sagt sie, was sich kurze Zeit später bestätigt: Die Tür fliegt auf und zwei Schüler rollen einen Autoreifen über die Schwelle, erkundigen sich nach einem Kollegen und fahren schnell wieder hinaus. „Das ist für ein Projekt,“ sagt und Schibura und lacht. „Ich selber biete neben Terminen eine AG an. Die Schüler wissen auf jeden Fall, dass es uns gibt.“
Aktuell gibt auch an ihrer Schule keinen Schlüssel, wie viele Schüler auf einen Sozialarbeiter kommen. „Wir hoffen, dass sich das bald an den Schülerzahlen orientiert, Arbeit ist genug da“, sagt Schibura.

Immer mehr Raum bei ihrer Arbeit nehmen die neuen Medien und sozialen Netzwerke ein. „Früher bist du heimgegangen und hattest deine Ruhe“, sagt die Sozialarbeiterin. Mit Whatsapp und Snapchat ginge Mobbing zu Hause weiter. „Die Belastung ist größer geworden, weil die Schüler weniger ausweichen können“, betont Schibura.

Um diesem Wandel und dem gefühlten Anstieg an Konflikten besser begegnen zu können, wünscht sich Stickel an ihrer Schule ein Diensthandy. So könne sie beispielsweise Beratungstermine besser ausmachen. Die technische Nachrüstung ist allerdings nicht ganz einfach. „Das ist natürlich eine Gratwanderung“, sagt Stickel, „die Frage ist, wie weit möchte ich in den geschützten Bereich der Kinder und Jugendlichen eindringen, das ist auch datenschutzrechtlich schwierig.“

Gewandelt hat sich neben der Kommunikation der Schüler und den Bravo-Covern in ihrem Büro auch die Wertschätzung gegenüber ihrem Beruf, freut sich Schibura. Früher spürte sie ein starkes Misstrauen einiger Lehrer: „Es gab eine gewisse Angst, entlarvt und beurteilt zu werden. Das ist heute ganz anders.“ Auch außerhalb des Lehrerzimmers hat sich die Wertschätzung geändert. „Lange Zeit wurde Schulsozialarbeit als Makel gesehen. Nach dem Motto: Das brauchen nur ‚Brennpunktschulen’. Das hat sich in den vergangenen zehn Jahren gewandelt. „Heute ist Sozialarbeit ein Qualitätsmerkmal.“

 

 

 

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