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Schule & Projekte

20 Jahre Straßenschule: Hilfe beim Wiedereinstieg

Die Freiburger StraßenSchule – ein Projekt für wohnungslose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Jugendliche – gibt es seit 20 Jahren. Dorthin können Jugendlichen kommen: gemeinsam kochen, Wäsche waschen, sich beraten lassen oder mit anderen Wohnungslosen und Sozialarbeitern ins Gespräch kommen. Zum Jubiläum erinnern die Macher an erste kleine Schritte und wie das Projekt immer mehr Unterstützung bekommen hat. Eine Unterstützerin vergießt sogar ein paar Tränen.

 
 

„Wieder wohnen wollen“. Mit den drei Ws beschäftigt sich die StraßenSchule. Anders als man meinen könnte, fühlen sich wohnungslose Jugendliche nicht von Anfang an in einer Wohnung wohl. Sie müssen sich zuerst daran gewöhnen – manche gehen sogar nach einer Zeit wieder auf die Straße, berichtet Jan Schwab, Pressesprecher der Einrichtung bei einer Pressekonferenz. Ziel der StraßenSchule ist, Jugendliche in die Gesellschaft zu integrieren.

Ein ehrgeiziges Vorhaben, da Jugendliche oft das Vertrauen in Erwachsene oder Ämter verloren haben. Gründe dafür seien meist gescheiterte Beziehungen, berichtet Sabine Risch, Sozialpädagogin, die seit zehn Jahren in der StraßenSchule arbeitet. Es dauere eine Weile, bis das Vertrauen wieder aufgebaut sei.

Die Jugendlichen werden nicht unter Druck gesetzt. Wenn die Mitarbeiter mit einem Teenager sprechen, der im Moment lieber allein sein möchte, lassen sie ihm seine Ruhe. Nach vier oder fünf Gesprächen kommen die Jugendlichen oft spontan zur Anlaufstelle, berichten die Verantwortlichen. Das ist der erste Erfolg, der erste Schritt beim Wiedereinstieg in die Gesellschaft.

Bei der StraßenSchule begegnen sich Jugendliche und Erwachsene auf Augenhöhe, wird betont. Einer der neun Mitarbeiter ist Banker. Einmal im Jahr treffen sich die Jugendlichen mit weiteren Bankern zum Grillen. Stück für Stück werden die Teenager so wieder in der Gesellschaft integriert.

Neben dem Banker gibt es weitere ehrenamtliche Mitarbeiter: eine Psychologin, eine ehemalige Praktikantin, zwei Ärzte und ein Mitglied aus dem Förderkreis. Sie sind für eine unbürokratische Beratung wichtig, betont die StraßenSchule.

Jugendlichen zwischen 17 und 27 wird in der Straßenschule geholfen. Trotzdem gibt es in letzter Zeit immer mehr jüngere Besucher im Alter von 14 oder 15 Jahren. Hier ist das Ziel, sie möglichst schnell von der Straße wegzuholen.

Die Jugendlichen können spontan von 13 bis 17 Uhr die Anlaufstelle besuchen. Manchmal kommen auch ältere Menschen, aber die StraßenSchule ist nur für Jugendlichen bestimmt. Ältere werden deswegen zu einer der zahlreichen Organisationen für obdachlose Erwachsene geschickt.

Treffpunkt: In der Küche kann gekocht und gewaschen werden


Was genau ist die StraßenSchule? Karin Schäfer, Leiterin des SOS-Kinderdorf Schwarzwald, das seit zehn Jahren mit der StraßenSchule kooperiert, beschreibt es folgendermaßen: „Das Projekt ist ein Katalysator für die Jugendlichen, um ihre Träume und Wünsche zu erfüllen.“ Ein Dach über dem Kopf zum Beispiel, oder genug Geld und vernünftige Beziehungen. Weiterhin nennt Schäfer das Projekt eine „Schule des Lebens“.

Die „Schüler“ findet das Team auf den Straßen Freiburgs. Doch wohnungslose Jugendliche zu erkennen, ist schwierig, heißt es. Klassische Aussteiger wie Punks seien selten geworden. Die Jugendlichen sehen ganz normal aus.

Als Hilfe bei der Suche gibt es das sogenannte „Streetmobil“, ein Bus, mit dem das Team einmal pro Woche vors Stadttheater fährt. Jugendliche kommen dorthin und können vor Ort beraten werden. Gespendet hat den Bus die SWR-Aktion "Herzenssache".

Einmal pro Woche stehen die Sozialarbeiter der StraßenSchule mit ihrem StreetMobil vor dem Stadttheater.



Im Kontakt mit den Jugendlichen bleiben die Mitarbeiter meist durch Soziale Netzwerke. In der Regel haben die Jugendlichen ein Handy und wissen, wo sie kostenloses WLAN finden können. Manche bekommen auch Arbeitslosengeld.

Das Projekt wird hauptsächlich aus privaten Mitteln finanziert. Mitgliedsbeiträge und Spenden von Stiftungen machen circa 200 000 Euro pro Jahr aus. Das restliche Drittel des Budgets (100.000 Euro) zahlt der Staat. Die Vorstände wünschen sich mehr Unterstützung.

Einer der wichtigsten privaten Finanzierer ist die Renate und Waltraut Stiftung. „Ich möchte Menschen in Bewegung bringen“, betont Renate Sick-Glaser, Gründerin der Stiftung, gleich mehrfach. Es geht ihr um körperliche und geistige Bewegung. Sie hat die StraßenSchule durch SOS-Kinderdörfer kennengelernt und war „wahnsinnig berührt“. So sehr, dass ihr bei der Pressekonferenz Tränen über die Wangen kullern.

Die ehemalige Krankengymnastin hat die Bilder und Texte der Jugendlichen bewundert. Darum wollte sie die Teenager fördern, insbesondere in den Bereichen Kunst, Kultur, Sport und Bildung. Seit vier Jahren unterstützt sie die StraßenSchule – nicht nur finanziell, sondern auch mit Projekten.

Eines davon ist die Band „Tunnelblick“, 2014 gegründet. Vier der fünf Musiker lebten bei der Bandgründung auf der Straße – zurzeit haben alle feste Ausbildungs-, Arbeits- und Wohnplätze. Ihre Lieder schrieben und komponieren sie selber.

Nicht nur Musik wird in der StraßenSchule gefördert; in der Galerie nebenan gibt es die Möglichkeit, sich künstlerisch zu betätigen. Computer und eine Werkstatt stehen zur Verfügung. Die Ergebnisse werden regelmäßig der Öffentlichkeit gezeigt.

Auch Musikinstrumente stehen für die Jugendlichen zur Verfügung.



Wie ist die StraßenSchule entstanden? Alles begann 1997 mit der WerkstattSchule. Die Gründer gingen mit Studenten auf die Straße und fragten wohnungslose Jugendlichen, was sie brauchen. 2001 ist die Anlaufsstelle der StraßenSchule entstanden, gestaltet mithilfe der jungen Leuten.

Heute ist die WerkstattSchule eine der Hauptsäulen des Projekts. Einer der Gründe, warum Jugendliche auf der Straße landen, sei das mangelhafte Interesse an Schule. Die WerkstattSchule beschäftigt sich mit der Prävention. Projekte wie Bienenpflege und das Versorgen von Baby-Ziegen sollen die Begeisterung für Schule wecken. Die Deutsche Jugendinstitut macht derzeit zwei Studien um festzustellen, was im präventiven Bereich gemacht werden soll.

Die StraßenSchule wird immer bekannter, auch bei den Jugendlichen, sind die Macher überzeugt. Immer mehr junge Wohnungslose kommen zur Anlaufstelle: 2009 waren 200 Jugendliche dort. Aktuell sind es im Schnitt 450 Menschen pro Jahr. 2016 waren circa 37 Prozent davon Frauen. Monatlich kommen etwa 80 Leute. Aktuell sind es täglich 30.

Karin Schäfer stellt fest, dass immer mehr psychisch kranke Jugendlichen die StraßenSchule besuchen. Das sei eine deutlich erkennbare Tendenz. Den Hintergrund kenne man nicht genau – über solche Sachen reden die Jugendlichen nicht gerne. Oft sei ein Elternteil gestorben, berichtet Sabine Wisch.

Die StraßenSchule hilft zum Beispiel bei der Suche einer Ausbildungsstelle oder einer festen Wohnung. Dabei werden häufig Wohngemeinschaften gebildet. Die Jugendlichen lernen auch den Umgang mit Geld. Das tägliche Budget für alle: 10,50 Euro. Damit gehen die Jugendlichen selbst einkaufen. „Wir lassen die Jugendlichen möglichst viel selber machen“, betont Sabine Risch.

Auch wenn sie Briefe ans Amt schreiben. Ein häufiges Problem ist, dass viele Jugendliche nicht als wohnungslos gemeldet sind. Die Mitarbeiter sind zur Unterstützung und für Ratschläge da, aber die Texte verfassen sie eigenständig. Dabei lernen sie auch, selbst Lösungen für ihre Probleme zu finden.

Zwischen den Arbeitern und Teenagern bildet sich eine intensive Beziehung, sagen die Betreuer. Viele ehemalige Wohnungslose kommen wieder vorbei oder rufen an und erzählen, wie es ihnen geht.

Für Karin Schäfer ist das Projekt einmalig: „Wir haben ein pädagogisches Konzept und beschäftigen uns mit der Erarbeitung einer Zukunftsperspektive.“ Die StraßenSchule ist mehr als eine Hilfe für Jugendliche in Not: „Hier findet ein gegenseitiger Lernprozess statt“, erklärt Jan Schwab. Ein gegenseitiges Geben und Nehmen.

 

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