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Musik & Medien

Selfiewahn bei Instagram: Tagebuch, Tabu, Vermarktung

Sich rekelnde Frauen, hantelstemmende Männer, goldige Tierchen. In Deutschland nutzen 15 Millionen täglich Instagram. Weltweit sind es 500 Millionen. Selfies sind die beliebtesten Motive. Auch die Instagramerin Maren Vivien postet Schnappschüsse von sich und nutzt die Plattform als eine Art Tagebuch. Für den Freiburger Medienkultur-wissenschaftler Harald Hillgärtner ist der Selfiewahn nichts Neues – die Fotografie verleite dazu. Nikita Eschwe ist dafür skeptisch: Er hält nichts von der Posterei.

 
 

Lange, blonde Haare, ein Schmunzeln auf den Lippen und perfekt gestylt. So präsentiert sich die Freiburger Germanistikstudentin Maren Vivien (25) auf ihren Fotos bei Instagram. Mehr als 32.000 Menschen haben das abonniert. „Anfangs habe ich meinen Account nur genutzt, um Bilder mit Freunden zu teilen – durch meine YouTube-Videos wurde es immer mehr“, sagt sie. Die Kombination aus YouTube-Channel und Instagram-Account funktioniert: Ihre Follower werden täglich mehr.

„Ich habe festgestellt, dass die Fotos, auf denen man selbst abgelichtet ist, am besten ankommen“, sagt die Studentin. So thematisieren die Fotos auf ihrer Instagramseite marenvivien hauptsächlich sie selbst. Ab und zu huscht beim Durchscrollen ein Bild von den Dächern Freiburgs oder Kosmetikprodukten vorbei.

 

Harald Hillgärtner, Medienkulturwissenschaftler der Uni Freiburg, beschreibt es als Prozess des Erwachsenwerdens, sich selbst zu thematisieren. „Unsere heutige Gesellschaft gibt uns nicht vor, wie wir zu sein haben und wir werden nicht mehr in bestimmte Berufslaufbahnen hineinsozialisiert“, sagt der Dozent. Spätestens seit der Hippie-Bewegung gebe es die Vorstellung vom selbsterfüllten, emanzipierten und kreativen Leben. Man werde früh damit konfrontiert, sich selbst überlegen zu müssen, was aus einem werden soll. „Und wenn man das wissen will, muss man sich irgendwie selbst erkunden und erforschen – und dazu gehört eben dieses Selbstpräsentieren“, erklärt er.

 

Maren Vivien studiert momentan im 7. Semester Germanistik. Nebenbei ist sie eine der bekanntesten Instagramerinnen Freiburgs. „Wenn jemand schon viele Follower hat, dann ist netzwerktheoretisch betrachtet die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass derjenige noch mehr bekommt“, beschreibt der Hillgärtner das Phänomen. Außerdem habe die Followerzahl Sympathie zu tun und der Vorstellung, dass gutaussehende oder witzige Menschen sympathisch seien, erklärt Hillgärtner. Auch Maren Vivien nutzt den Netzwerkeffekt, indem sie bei ihren 80.000 Abonnenten bei YouTube immer mal wieder ihren Instagramaccount erwähnt. Oder Bilder von ihr und berühmten Instagrammern postet. „Ich sehe Instagram als Plattform, um mich selbst zu vermarkten, aber auch wie eine Art Tagebuch: Ich halte mein Leben in Bildern fest“, sagt die Instagramerin. Dass sie von anderen dabei nur nach ihrem Äußeren beurteilt wird, störe sie nicht.

Fast jeden Tag veröffentlich Maren Vivien ein Foto von sich: mit einer Kaffeetasse in der Hand, beim Lesen, vor einer beeindruckenden Kulisse – immer vergnügt oder verträumt. Das Mitteilen-Müssen nervt Nikita Eschwe (28). „Den Grundgedanken von solchen Plattformen, finde ich gut, deshalb habe ich auch Facebook“, sagt er. Aber schon allein das sei ihm zu viel. Er will nicht alles in seinem Leben preisgeben. Und postet selbst überhaupt nichts. Eschwe kann nicht verstehen, dass andere „ihren Alltag von sozialen Netzwerken bestimmen lassen.“

Maren Vivien sieht das anders. „Ich mag Fotos und teil sie gerne, wenn ich die Aufnahmen schön finde.“ Im Grunde sei sie zufrieden mit ihrem Äußeren – auch wenn der ein oder andere Pickel mal stört. Aber wozu gibt es Bildbearbeitungsprogramme? Was nicht passt, wird einfach wegretuschiert. Eher seltener mache sie sich auch etwas schlanker, berichtet sie. Hauptsächlich bearbeitet die Instagramerin aber die Farben. Die Bilder sollen schließlich harmonisch wirken. „Man macht sich mit Bearbeitungsprogrammen so, wie man sein möchte und formt quasi seinen Körper“, sagt Harald Hillgärtner. Die fotografische Technik habe das von Anfang an mitgebracht: Früher hat man die Personen auf dem Bild mit Schminke und Licht bearbeitet – heute mit Programmen.

Immer und überall: Selfies sind für viele Alltag.

 

Maren Vivien versteht, dass sie bei manchen als eingebildet rüberkommt. Schließlich drehen sich ihre Fotografien fast ausschließlich um sie. Das sei sie aber nicht: „Ich finde die Bilder eben schön und möchte sie gerne teilen.“ Die Aufforderung, Bilder zu machen, liege bei Instagram selbst, erklärt Hillgärtner. Schließlich funktioniert es über Videos und Fotos. Hinzu komme, dass die naheliegenste Nutzung der Fotografie sei, das eigene Leben abzulichten. Es sei sozusagen eine Aufforderung des Mediums. „Durch die Fotografie ist es geradezu ein Anrecht geworden, fotografiert zu werden“, meint der Medienwissenschaftler. Früher wurden die Bilder in Fotoalben geklebt und anschließend im Bekanntenkreis gezeigt – heute werden sie auf Onlineplattformen veröffentlicht. Im Grunde diene die Fotografie zur Kommunikation, findet Hillgärtner. Menschen seien soziale Wesen und redeten gerne miteinander. Die Selbstdarstellung bei Instagram sei kein neues Phänomen. Sie habe sich seit der Entwicklung der Fotografie kontinuierlich entwickelt, erklärt er.

Spätestens seit der Antike wisse man, dass es Menschen gibt, die selbstverliebt sind, sagt Hillgärtner. „Es ist also nicht die ganze Generation, die zum Narzissmus tendiert, sondern Individuen.“ Wenn man Karriere machen möchte, komme man an den sozialen Netzwerken nicht vorbei, findet er. Und wenn man sich dort präsentiert, dann tendenziell auch so, dass es vorteilhaft ist. Der Medienkulturwissenschaftler hat selbst jedoch kein Instagram-Profil. Erstens fehlt ihm die Zeit dazu. Und zweitens hat er kein Vertrauen in die Sicherheit seiner Daten.

 

 

 

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