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Leute & Leben

Essen, um zu brechen: Berliner Autorin litt 13 Jahre lang an Essstörungen

„In dieser Nacht übertreibe ich es vielleicht etwas. Habe ich zu viel gegessen? Jedenfalls bekomme ich das Erbrochene einfach nicht die Toilette heruntergespült.“ So beschreibt Autorin Sonja Vukovic ihre Magersucht im Buch „Gegessen: Wer schön sein will, muss leiden, sagt der Schmerz“. Jahrelang litt sie an Essstörungen – wie viele junge Menschen heute auch.

 
 

Sonja Vukovic hat viel durchgemacht: 13 Jahre lang kämpfte sie mit Essstörungen. Ihr Drama hat die heute 31-Jährige überwunden und als bewegende Geschichte in einem Buch festgehalten. „gegessen: Wer schön sein will, muss leiden, sagt der Schmerz“, heißt das Werk. Es erzählt einen Leidensweg, den viele heute noch durchmachen: Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts leidet etwa jedes dritte Mädchen und jeder fünfte Junge im Alter zwischen 11 und 17 Jahren unter Essstörungen.

In ihrer Autobiografie offenbart Vukovic auf knapp 290 Seiten den Lesern die ungeschminkte Wahrheit, die sie fast ihr Leben gekostet hat. Wie schaffte es die Berlinerin, nach 13 Jahren ihre Bulimie und Magersucht zu besiegen?

„Geholfen haben mir die Menschen, die an mich geglaubt haben, als ich es selbst nicht konnte“, schildert Vukovic. „Sie haben mir aber auch Grenzen aufgezeigt.“ Ihr Mann habe ihr immer klargemacht, wann es ihm zu viel wurde. So sei er nicht in eine Co-Abhängigkeit geraten. „Es waren 13 harte Jahre, die bergauf und bergab gingen“, betont Vukovic. Ihr starker Wille habe letztlich geholfen, wieder gesund zu werden.

Die Auslöser einer Essstörung sind sehr unterschiedlich: biologische, familiäre und gesellschaftliche Faktoren können die Krankheit hervorrufen. „Das Einzige, was allen Betroffenen gemein ist: Sie haben ein geringes Selbstwert­gefühl“, sagt Ärztin Maike Kohnert. Schaue man sich das perfekte Model auf dem Cover einer Zeitschrift an, so sei es nicht verwunderlich, dass überzogene und unrealistische Vorbilder einer medialen Scheinwelt zur Verunsicherung vieler junger Menschen beitragen. Gerade Jüngere orientierten sich stark an Schönheits- und Körperidealen im Fernsehen, in Zeitschriften und in der Werbung.

Und Vukovic? Fasziniert von einem Film über zwei Highschoolmädchen, die sich mit Essen vollstopften und danach übergaben, kam sie das erste Mal mit Bulimie in Kontakt. Sie war 13 Jahre alt, als sie den Film sah. „Die Mädchen waren schön, beliebt, hatten Dates“, schreibt sie in ihrem Buch. Auch wenn der Film kein gutes Ende nahm. „Endlich habe ich einen Weg gefunden, wie ich nicht auf Essen verzichten muss, um schön zu sein“, dachte sie sich.
Kurz darauf begann sie, es den beiden Mädchen nachzumachen und verlor schon bald ihre ersten Kilos. Nach drei Jahren hatte sich ihr Gewicht halbiert.

„Eltern sind mit so einer Situation über­fordert“, sagt Andreas Schnebel, Psychotherapeut und Geschäftsführer des ANAD Versorgungszentrums Essstörungen in München. „Für Erziehende gibt es nichts Schwierigeres, wenn ihr Kind krank ist“, betont er. Doch Angehörigengespräche kämen in den behandelnden Kliniken zu kurz, da diese nicht finanziert werden. Deshalb bietet sein Verein Familienberatungen sowie Eltern- und Geschwisterworkshops an.

Die Wartezeiten auf einen Therapieplatz sind oft lang. Mit 16 Jahren zog Vukovic in eine Wohngemeinschaft für essgestörte Mädchen. Sie hatte das Glück, eine Psychologin zu haben, der sie alles erzählen konnte. Es folgten 13 Jahre lang Therapie. „Ich hatte trotz meines unbedingten Willens sehr viele Rückfälle“, schreibt Vukovic. Doch an Rückschlägen dürfe man nicht verzweiflen. „Das führt nur noch mehr dazu, dass wir uns hassen und betäuben, um jeden Preis anders sein wollen, als wir sind.“

 

Die Autorin

Sonja Vukovic lebt in Berlin, ist inzwischen glücklich verheiratet und Mutter einer kleinen Tochter. Sie schreibt für die Tageszeitung „Die Welt“, das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, das Online-Portal „stern.de“. Die 31-Jährige hat den „Grimme Online Award“ bekommen. 2013 erschien ihr internationaler Bestseller „Christiane F. – Mein zweites Leben“. Nach dem Aufbau der F. Foundation für Suchtprävention und -aufklärung arbeitet sie aktuell an weiteren Publikationen.

 

 

 

Viele sind betroffen

Etwa jedes dritte Mädchen und jeder fünfte Junge im Alter zwischen 11 und 17 Jahren in Deutschland leidet unter Essstörungen. Das zeigt eine Studie des Robert-Koch-Instituts. Die Zahl der Betroffenen steigt, verdeutlicht eine Untersuchung der Krankenkasse Barmer GEK. Um 13 Prozent ist die Zahl der Fälle bundesweit zwischen 2011 und 2015 gestiegen. Im Jahr 2011 waren rund 390.000 Menschen von Essstörungen wie Bulimie oder Magersucht betroffen. Vier Jahre später litten bereits 440.000 darunter. Allein bei der Barmer galten 2015 demnach mehr als 9600 Versicherte als magersüchtig. Die Dunkelziffer dürfte nach Einschätzung der Kasse „um ein Vielfaches höher liegen“. Vor allem bei Frauen sei Magersucht ein zunehmendes Problem. Stress, Leistungsdruck und falsche Vorbilder könnten zur Magersucht führen.

 

 

 

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