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Leute & Leben

„Die Kunst hat mein Leben verändert“: Sarah war obdachlos, die StraßenSchule half ihr

Alleine auf der Straße, ohne Dach über dem Kopf, ohne Geld. So geht es vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Freiburg. Sarah A. war eine davon. Doch sie hat es geschafft, aus der Spirale der Verzweiflung und des Selbstmitleids herauszukommen. Eine große Hilfe hierbei war die Freiburger StraßenSchule.

 
 

Mit 15 Jahren verlässt Sarah ihr Elternhaus in Freiburg. Als sie nach einem Jahr zurückkommt, ist die Situation schlimmer. Im Laufe der Jahre geht sie immer wieder. Das erste Mal ganz ohne Wohnung ist sie mit 22. Als Reisende hat sie nicht viel, nicht mal Essen und Trinken. Ihr einziger treuer Begleiter sind Stift und Papier: „Auch wenn ich nichts hatte, hatte ich wenigstens einen schwarzen Kugelschreiber zum Zeichnen.“ Sarah malt alles: Eindrücke, Erfahrungen, Gedanken. Das ist ihre Art, Sachen zu verarbeiten. Mit ihren Zeichnungen will die heute 27-Jährige andere an ihren Erlebnissen teilhaben lassen.

Familiäre Umstände und psychisches Leiden hatten dazu geführt, dass die schüchterne junge Frau mit den vielen Piercings das Haus verließ: „Manchmal ist es besser, wenn man sich eine Weile nicht mehr sieht und aus der Situation herausgeht.“ Untergekommen ist sie über zwei Jahre lang bei Bekannten, Freunden, in leerstehenden Wohnungen oder Ateliers. Nachts auf der Straße geschlafen hat sie nicht. Zu gefährlich sei das als Mädchen.

Ausgefallen: Der StraßenSchule-Bus ist auffällig bunt bedruckt.

 

Durch Bekannte kam sie im Freiburger Wohnprojekt unter. Für Wohnungslose zwischen 15 und 27 Jahren gibt es dort zwölf Wohnplätze in drei WGs. Sozialarbeiter und -pädagogen helfen im Alltag und bei der Jobsuche. „Im Wohnprojekt hatte ich einen Ruhepol. Ich konnte mich zurückziehen, wieder Fuß fassen und Energie für einen Neustart sammeln“, erinnert sich Sarah.

Seit 20 Jahren hilft der Verein jährlich 450 wohnungslosen und von Wohnungslosigkeit bedrohten jungen Menschen. Neben der Anlaufstelle in der Schwarzwaldstraße gibt es einen bunt bemalten Bus, der jeden Dienstag­nachmittag vors Stadttheater rollt. „Ein super Blickfang, damit fallen wir sofort auf“, sagt Pressesprecher Jan Schwab. Vor Ort werden Gespräche angeboten. Auch Sarah wurde durch den Bus auf den Verein aufmerksam.

Neben begleitetem Wohnen und Unterstützung durch Streetworker macht die Anlaufstelle, „das Herzstück des Vereins“, weitere Angebote: gemeinsames Kochen, Hilfe bei Behördengängen, Wäsche waschen ... sogar Musik und Kunst stehen auf dem Plan. Ein Konzept, das laut Schwab erfolgreich und vermutlich einzigartig ist. „Den Jugendlichen ist es wichtig, dass sie sich hier den Blicken der Gesellschaft entziehen können, denen sie auf der Straße tagtäglich ausgesetzt sind“, betont er.

Wie in Sarah, steckt viel kreatives Potenzial in den jungen Menschen der Straße. Das Projekt „Kreativraum“ will das gezielt fördern. Dort konnte sie zeichnen, malen und basteln. „Die Kunst hat mein Leben verändert und mich in allen schwierigen Lebensphasen begleitet.“ Sie absolvierte ein Kunststudium an der hKDM; nebenher arbeitet sie in einem Tattoostudio als Tätowiererin. Eine Stelle, die sie einer Sozialarbeiterin zu verdanken hat. Eine Ausbildung zur Malerin und Lackiererin hat sie noch drangehängt. „Ich wollte einen handfesten Beruf und die Möglichkeit auf ein regelmäßiges Einkommen“, erzählt Sarah.

Sarah‘s Kunstwerke hingegen sind eher einfarbig, aber dennoch aussagekräftig.

 

Was sie im Studium und der Ausbildung gelernt hat, würde sie beruflich gerne verbinden: „Ich bin sehr experimentierfreudig und für viele Kunstrichtungen offen.“ Am liebsten sei ihr die Old-School-Richtung, weil sie eine Vorliebe für Nostalgie hat. Auch das Verhältnis zu ihrem Elternhaus konnte sie im Laufe der Jahre verbessern.

Wie können Betroffene Hilfe bekommen? Sarah rät, dass sie sich ihrer Situation erst bewusst werden müssen, um Hilfe anzunehmen: „Wenn man selber nicht mehr weiterweiß, dann wissen es andere.“ Wichtig sei vor allem, ein Ziel vor Augen zu haben. Sarah ist froh, Hilfe angenommen zu haben: „Die StraßenSchule hat mir nicht nur bei meinen psychischen Problemen geholfen, sondern auch dabei, im Alltag Fuß zu fassen und einen geregelten Tagesablauf zu bekommen.“

 

Infos

Die Freiburger StraßenSchule ist eine Einrichtung des SOS-Kinderdorf Schwarzwald in Kooperation mit dem Freiburger StraßenSchule e.V. Der Verein wurde 1997 von Uwe von Dücker gegründet. Haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter versuchen in Dialogen mit den jungen Erwachsenen in Kontakt zu treten und ihr Vertrauen zu Bezugspersonen und Erwachsenen wieder herzustellen. Der Verein finanziert sich zu einem Drittel aus Mitteln der Stadt Freiburg und zu zwei Drittel aus Spenden von Stiftungen, Einzelpersonen und Unternehmen. 2016 haben insgesamt 450 junge Leute von den Angeboten der StraßenSchule profitiert.

 

 

 

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