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Leute & Leben

Valentina in Freiburg (4): Wettlauf gegen die Zeit

Die ecuadorianische Schülerin Valentina Poveda macht in Freiburg ein Praktikum. Das erste ihres Lebens – und dann gleich so fern von der Heimat. Die 17-Jährige ist seit Mitte Juni im Breisgau und wird einen Monat bleiben. Sie lernt Deutsch seit 13 Jahren in einer deutschen Schule in Quito. Fürs f79 schreibt sie ein Reisetagebuch. Folge 4: Sie versteht sich nicht besonders gut mit Zügen und schmilzt unter der Sonne Heidelbergs.

 
 

Unbekannt ist das Stichwort – ich kenne gar nichts, nicht mal mehr mich selbst. Heidelberg, eine schöne alte Stadt, ist für heute geplant. Dort schaue ich mir die Uni an, an der ich später vielleicht studieren möchte. Die in Würzburg habe ich ja schon gesehen.

Ich bin früher am Bahnhof als geplant, der Zug ist schon da. Ich hole mir einen Kaffee, obwohl ich normalerweise keinen trinke; heute brauche ich das aber. Ich sitze im Zug und nippe am heißen Kaffee – ohne Zucker. Ich habe noch sechs Minuten. Vielleicht sollte ich Zucker holen? Ich steige aus, schütte Zucker in den Kaffee ... und der Zug fährt weg. Panik.

Der Zug sollte erst in sechs Minuten fahren! Was mache ich jetzt? Was mache ich jetzt? WAS MACHE ICH JETZT?! Der Bildschirm hat aber gute Nachrichten: Ich habe den falschen Zug verpasst. Hätte ich keinen Zucker geholt, wäre ich irgendwo anders hingefahren.

Jetzt ist das Schlimmste vorbei, oder? Beim Zwischenhalt in Mannheim hat die Bahn nur fünf Minuten Verspätung. Zehn Minuten, die fünfzehn werden. Zwanzig sind jetzt dreißig und dreißig werden vierzig. Meinen Termin an der Universität habe ich schon verpasst. Zum Glück kann ich noch anrufen und ihn verschieben. Und wieder verschieben. Und erneut verschieben.

Ich laufe im Kreis. Kein Zug ist zu sehen. Ich zähle 147 Mississippis und dann verzähle ich mich. Ist das ein Zug? Kann das wirklich sein? Ich tanze vor Freude und springe ins Abteil. „Bitte berücksichtigen Sie, dass der Zug heute nicht in Heidelberg hält“, informiert mich eine unpersönliche Stimme durch den Lautsprecher. Das ist aber prima.

Ich werde zu einem anderen Zug geschickt. Meine Gefühle sind durcheinander, mir kullern Tränen über die Wangen vor Frustration.

Mit dem Bus fahre ich dann zum Universitätsplatz. Eine sehr nette Studentin begrüßt mich und zeigt mir die wundervolle Bibliothek, die Fakultät, die Mensa und andere Orte der Uni. Ich bekomme fast eine ganze Stadtführung. Wir laufen zusammen über die alte Brücke Heidelbergs, von wo man eine wunderschöne Ansicht auf den Neckar hat.

Auf der Brücke: Der Neckar fließt, am Ufer ist Heidelberg.

Wir verabschieden uns am Eingang des Heidelberger Schlosses. Bergbahn? So was brauche ich nicht. Es wird gewarnt: 303 Stufen. Ich hole tief Luft und mache mich auf den Weg.

Außer Atem komme ich oben an. Ich habe es geschafft! Jetzt kann ich mich ausruhen... oder vielleicht doch nicht. Ein steiles Stück muss ich noch laufen. Wie lange? Eine halbe Ewigkeit. Ich schmelze langsam dahin vor lauter Hitze. Und endlich ist das Schloss zu sehen, die Oase in der Wüste.

Alle Stufen haben sich gelohnt. Der Ansicht ist atemberaubend. Jetzt verstehe ich, warum Heidelberg „die Stadt am Fluss“ genannt wird. Der Necakr ist wie eine Mutter, die alle ihren Kindern – Häusern, Bäumen, Leuten – die Hand gibt, damit sie sich nicht verlieren.


Das Schloss am Neckar – einfach magisch, findet Valentina.

Das alte Schloss weckt meine Phantasie. Plötzlich bin ich eine Fürstin, die stolz durch die Gänge läuft und dann ein kleines Mädchen, das sich in den Türmen versteckt. Dann bin ich ein Hausmädchen, das jede Ecke putzt.

Der Weg nach unten ist einfacher. Doch ich verlaufe mich. „Entschuldigung, wissen Sie wo dasSchloss ist?“, frage ich nicht, sondern werde gefragt. Ich sage, dass sie den Schildern folgen sollen.


Zum Glück lande ich wieder in der Hauptstraße. Dort esse ich eine leckere Currywurst. „Wie war es?“, fragt mich eine Kellnerin. „Es war köstlich, es war die beste Currywurst, die ich je gegessen habe!“ Und jetzt gucken sie mich komisch an, als ob ich besoffen wäre. Sicher ist meine überschwengliche Antwort  hier ungewöhnlich. In Ecuador ist das normal.

Ich besuche jetzt das Kurpfälzische Museum. Alte Manuskripte sind zu sehen – manche sind so alt, dass sie bedeckt werden müssen. Porzellanfiguren gibt es überall. Meine Augen können sich kaum sattsehen. Die Holzfiguren sind erstaunlich: Die Kleider bewegen sich.

 



Prachtvolles Museum: von draußen aber nicht Besonderes



Mir gefallen die Portraits mit den Hunden. Deren Fell scheint so weich, ich würde sie am liebsten streicheln. Auch über den Wandel der Kleidung im Laufe der Jahren erfahre ich einiges.

Ich habe Angst. Die Zeit der Rückkehr ist gekommen. Der Zug ist eine Stunde verspätet, aber daran bin ich jetzt gewöhnt. Ich will nicht schon wieder einen anderen Zug nehmen.

Glücklicherweise kommt mein Zug, der sicher in Freiburg halten wird. Der sieht aber ganz anders als alle andere Züge vorher. Ich frage eine Frau, ob das die zweite Klasse sei. „Ja, aber es ist so warm, dass es sich wie die dritte Klasse anfühlt“, erwidert sie. Wir lachen.

Kein Witz. Eine Klimaanlage gibt's hier nicht. Schon wieder bin ich in der Wüste, aber diesmal bewegt sie sich. Meine Kleidung klebt an mir und ich klebe am Sitz.

Zuhause grillen wir. Ich liebe Fleisch, besonders gegrillt. In Ecuador esse ich das nicht so oft. Also schmeckt's noch besser. Meine Füße kann ich nach dem Tag aber nicht mehr spüren. Ich glaube, eine Valentina ist kaputt gegangen. Wir können sie nur im Schlaf reparieren. Hoffentlich.

 

 

Info: Valentina macht in Quito kommendes Jahr Abitur auf ihrer deutschen Schule. Die Schülerin aus Ecuador schreibt in ihrer Freizeit Romane, Kurzgeschichten und Gedichte. Sie hat drei Bücher geschrieben, eines davon wurde veröffentlicht. Das Kinderbuch "Soyfiero, un tiburón de otro mundo" (Soyfiero, ein Hai aus einer anderen Welt) wurde 2011 veröffentlicht.

 

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