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Leute & Leben

Valentina in Freiburg (2): Geburtstag fern von der Heimat

Die ecuadorianische Schülerin Valentina Poveda macht in Freiburg ein Praktikum. Das erste ihres Lebens – und dann gleich so fern von der Heimat. Die 16-Jährige ist seit Mitte Juni im Breisgau und wird einen Monat bleiben. Sie lernt Deutsch seit 13 Jahren in einer deutschen Schule in Quito. Fürs f79 schreibt sie ein Reisetagebuch. Folge 2: Sie fährt in eine unbekannte Stadt und feiert dort ihren Geburtstag.

 
 

22. Juni: Meine erste Reise alleine mit dem Zug. Mein Ziel ist Würzburg, eine Stadt, die ich überhaupt nicht kenne. Dort schaue ich mir die Uni an, weil ich später mal in Deutschland studieren will. Obwohl ich da von einer Freundin abgeholt werde, bin ich sehr nervös. In Ecuador gibt es keine Züge. Meine Erfahrung damit beschränkt sich auf die „Gefangenschaft“ meiner Mitschüler da drin (Folge 1). Außerdem muss ich nicht nur mit einen Zug fahren, sondern mit drei.

Beim ersten Zug ist alles in Ordnung. Ich lese und gucke mir die wunderschöne Landschaft an. Der zweite Zug in Mannheim sollte auf Gleis zwei kommen. Ich warte. Ein Mädchen wartet scheinbar auf denselben Zug. Ich warte. Plötzlich wechselt sie auf Gleis drei. Was ist los? Die zwei Bildschirme jeweils von Gleis zwei und drei zeigen mein Zug. Das ist verrückt! Ich bin so verwirrt. Ein Zug kommt auf Gleis drei und das Mädchen steigt ein. „Mal schauen“, denke ich, und springe in den Zug.

Als die Tickets gecheckt werden, erfahre ich, dass ich im richtigen Zug sitze. Ich bin so erleichtert. Die letzte Bahn ist verspätet und wird schließlich auf ein anderes Gleis gewechselt. Diesmal verstehe ich, was los ist. Sie ist voll und ich kriege keinen Sitzplatz – Leute bekommen einen Gutschein, damit sie aussteigen. Einige tun das, meine Reise geht weiter.

Am Hauptbahnhof werde ich von der Mutter meiner besten Freundin abgeholt. Ich erzähle ihr von meinem Abenteuer, während wir auf meine Freundin warten. Ich kenne sie seit acht Jahren, wir waren Nachbarinnen als sie noch in Ecuador gewohnt hat. Jetzt studiert sie in Würzburg und ich habe sie seit Monaten nicht gesehen.

Da ist sie! Ich muss schon lachen – wenn wir zusammen sind, lachen wir ständig über alles. Wir umarmen und warten keine Sekunde, um uns alle Neuigkeiten zu erzählen.

Ein lang ersehntes Wiedersehen: Valentina trifft ihre beste Freundin.


Zuhause erklärt sie mir, mit welchem Bus ich fahren werde und zeigt mir den Weg zur Uni. Wir bleiben wach bis Mitternacht. Jetzt bin ich 17! Sie wünscht mir alles Gute und wir umarmen uns wieder. Meine Eltern und meine Schwester rufen an, wir skypen. Mein Herz fliegt vor Freude und Dankbarkeit.

Endlich schlafen meine Freundin und ich zusammen auf einer Bettcouch. Als wir nach sieben Stunden aufwachen, habe ich eine vage Erinnerung der seltsamen Nacht.

„Ist das von der Decke gestern wirklich passiert?“, frage ich. „Ja“, antwortet sie. Ich lache. Ich habe geträumt, dass ich dringend wissen musste, wie eine Decke auf Deutsch heißt. Obwohl ich das weiß, habe ich meine Freundin aufgeweckt. „Hey ich brauche deine Hilfe“, habe ich halb im Schlaf gesagt. „Wie sagt man das auf Deutsch?“ Dann habe ich ihre Hand auf die Decke gelegt. „Unterbett“, hat sie erwidert. „Nein, nein, das nicht! Das!“, habe ich wütend gerufen. „Bettdecke?“ „Ach, das wusste ich aber schon“, und habe weitergeschlafen.

Beim Frühstück kann ich eine Kerze auspusten und alle singen Happy Birthday. Ich fühle mich so glücklich. Das fühlt sich an wie zuhause.

Ab in die Universität! Ich erfahre dort einiges über das Studium der Germanistik. Ich würde sehr gerne in Deutschland studieren – dieses Land finde ich wunderschön und die Leute ganz nett. Mal schauen, ob das geht.

Ich bin stolz auf mich, als ich zufällig vor dem Schloss, die Würzburger Residenz, stehe. Ich bin allein mit dem Bus dorthin gefahren! Meine Freundin meinte, ich solle mir das unbedingt angucken. Und da hatte sie Recht.

Erstaunliches Schloss: Die Würzburger Residenz

Das barocke Schloss lebt. Die Dächer sind alle bemalt. Man sieht zum Beispiel ein Kind, das Trompete spielt. Der Anfang der Trompete ist gemalt, aber das Ende kommt aus dem Dach raus – eine echte Trompete. Zwei Engelskulpturen öffnen echte Gardinen, damit man der Kunstwerk dahinter sieht. Und das alles im Dach.

Die Zimmer sind alle mit Gold verziert – oder mit Silber. Alle Details werden beachtet, jeder Wand ist dekoriert, beispielsweise mit Gemälden. „Was für ein schönes Bild“, denke ich. Dann lese ich die Information dazu. Das ist in Wirklichkeit ein riesengroßer Teppich, der die ganze Wand bedeckt! Ich kann meine Augen nicht zumachen, sonst verpasse ich was.

Schließlich gibt es Allegoriegemälde. Ich würde gerne eine Stunde vor jedem Bild verbringen, aber ich muss noch essen.

Ich treffe meine Freundin im Residenzgarten, der mich beeindruckt. Auch hier sind wundervolle Skulpturen an unerwarteten Orten zu sehen – zum Beispiel auf einem Baum, zwischen dem Stamm und dem dreieckigen Baumwipfel.

Wir gehen durch die Stadt spazieren und besuchen eine geheimnisvolle Kirche. Die alten Gebäude, die man überall in der Stadt finden kann, faszinieren mich.

Der Abschied naht. „Es war schön, dich wiederzusehen. Das war mein Lieblingsgeburtstagsgeschenk“, sage ich, gleichzeitig traurig und glücklich.

Der Tag ist aber noch nicht zu Ende! Wieder in Freiburg gehe ich mit meiner Austauschfamilie essen. Ich probiere ein Schnitzel – das schmeckt super! Ich bekomme auch tolle Geschenke von ihnen, wie ein Eintritt zum Europapark.

Valentina pustet die Kerzen aus

Voller Müdigkeit falle ich erschöpft,
aber froh, ins Bett. Obwohl ich meinen Geburtstag fern von Familie und Freunden verbracht habe, war das einer der schönsten.

 

Info: Valentina macht in Quito kommendes Jahr Abitur auf ihrer deutschen Schule. Die Schülerin aus Ecuador schreibt in ihrer Freizeit Romane, Kurzgeschichten und Gedichte. Sie hat drei Bücher geschrieben, eines davon wurde veröffentlicht. Das Kinderbuch "Soyfiero, un tiburón de otro mundo" (Soyfiero, ein Hai aus einer anderen Welt) wurde 2011 veröffentlicht.

 

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