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Leute & Leben

Ist Cannabis gefährlich? Zwei Freiburger erzählen von Therapie und Entspannung

Im September ist Bundestagswahl. Die Legalisierung von Cannabis wird damit wieder zum Thema. Grüne und Linke sind dafür, die CDU und weitere dagegen. Wie gefährlich ist Kiffen wirklich? Die f79-Autoren Evan, Leonardo, Marc und Svenja haben sich dazu mit jungen Freiburgern unterhalten, die ganz unterschiedliche Erfahrungen mit Marihuana gemacht haben. Der THC-Forscher Bernd Fiebich sagt: „Cannabis ist unberechenbar – hat aber auch positive Wirkungen.“

 
 

Tom H.* ist begeisterter Kiffer: „Es sollte auf jeden Fall legalisiert werden. Das hat nur Vorteile“, schwärmt der Schüler. Er lebt bei Freiburg und geht in die 12. Klasse. Mit 14 Jahren hat er angefangen zu kiffen, in der 9. Klasse rauchte er jeden Tag – und ist sitzen­geblieben. „Chillen und mit Freunden rumhängen wurde für mich wichtiger“, erzählt er. Auch seine Hobbys habe er wegen der Droge vernachlässigt. Mittlerweile ist er 19 und kifft immer noch. Aber nicht mehr täglich.

Das Gras bekommt er von Freunden. Im Notfall auch von Fremden: „Am Anfang habe ich schlechtes Zeug gekriegt, mit der Zeit bekommt man das Gute.“ Tom mag, dass die Wahrnehmung intensiver wird – beim Essen oder Musikhören. Hat er was geraucht, vergisst er seine Probleme, ist entspannter. Er kennt niemanden in seinem Bekanntenkreis, der schlechte Erfahrungen mit Cannabis gemacht hat.

Vom Trinken hält er dafür nicht viel: „Alkohol macht aggressiv, am nächsten Tag plagt einen der Kater.“ Bei einer Überdosis könne man an einer Vergiftung sterben. Für Tom ist Gras das Gegenteil: „Man redet friedlich miteinander.“ Bei einer Überdosis schlafe man höchstens ein.

Dass THC auch drastische Folgen haben kann, weiß Moritz P. * Er hat mit 15 Jahren angefangen, Gras zu rauchen. Irgendwann rauchte er täglich. Jetzt ist er 25 – und im Therapiezentrum Brückle in Buggingen in Behandlung. Er hat regelmäßig Alkohol getrunken, ab 17 Jahren auf Partys auch mal was Härteres genommen wie Speed oder Ecstasy. „Mein größtes Problem ist aber Cannabis, ich bin süchtig, Kiffen ist ein Teil von mir“, sagt er.

 

 

Am Anfang sei das etwas Gemeinschaftliches gewesen: Er kiffte mit Freunden, um zu entspannen. „Später wurde es ein Mittel zur Verdrängung“, erklärt Moritz. Er habe Probleme mit seinen Eltern gehabt, sei depressiv geworden. Sein Abi „stand ziemlich auf der Kippe“, berichtet er. Dann sei er weggegangen: „Ich wollte aus meinem Umfeld raus. Da gab es einfach zu viele Leute, die Zeug hatten.“

Moritz kam für ein Studium nach Freiburg. Schnell fiel er in alte Muster zurück – auch durch Freunde: „Die Leute, mit denen ich auf einer Wellenlänge war, haben auch konsumiert.“ Kurz darauf kiffte er täglich. „Damit habe ich versucht, mich selbst zu medikamentieren: Stress weg durch Marihuana. Angst weg durch Alkohol. Auf Dauer war es eine Abwärtsspirale“, beschreibt Moritz seine Lage. Er wurde wieder depressiv. „Ich habe Freunde vernachlässigt, Termine verpasst. Das hat mich runtergezogen. Ich habe mich isoliert.“

Die Lage spitzte sich zu: Teilweise hatte er zum Monatsende kein Geld mehr für Essen. Also kiffte er weniger: „Ich bin mit fünf Euro am Tag für Gras ausgekommen“, sagt Moritz. Er pumpte die Eltern an, schlingerte durchs Studium. 2013 nahm er ein Urlaubssemester für eine Therapie. Ohne dauerhaften Erfolg. Jetzt will er im Therapiezentrum in Buggingen endlich vom Konsum wegkommen: Zwei Wochen Entgiftung und anschließend Auffangbehandlung.

Angenehm ist der Aufenthalt dort nicht: „Man fühlt sich seiner Freiheit beraubt. Obwohl man jederzeit gehen darf“, sagt er. Er müsse absprechen, wenn er in den Super­markt gehen oder telefonieren will. Das sei Teil des Therapiekonzeptes. Wenn er raus ist, wolle er vielleicht sein Studium abbrechen, Praktika und danach eine Ausbildung machen.

 

Das Kiffen hat ihn verändert: „Ich habe ein Problem damit, Vertrauen aufzubauen.“ Fange man früh an, verpasse man Entwicklungsphasen. Ob Kiffen gefährlich ist? „Das hängt vom psychischen Zustand ab“, sagt Moritz. Sei man stabil, sei es nicht schlimm, ab und zu Gras zu rauchen, vermutet er. Bekomme man Probleme, solle man auf jeden Fall eine Beratungsstelle aufsuchen.

Was im Körper beim Kiffen passiert, weiß der Freiburger Forscher Bernd Fiebich von der Uniklinik. Er untersucht die medizinischen Eigenschaften von Cannabis. Die Pflanze als solches, der normale Hanf, sei relativ harmlos und nicht psychoaktiv, sagt Fiebich. Haupt­problem seien die stark psychoaktiven Variationen oder Unterformen der Pflanzen. Sie haben starke Nebenwirkungen und gelten deshalb als Droge.

Laut Fiebich sind die starken psycho­aktiven Wirkungen das größte Risiko. Sie können krank machen. Dafür gebe es jedoch physiologische Voraussetzungen: „Im Gehirn muss etwas nicht richtig geschaltet sein. Also bei Leuten, die sehr empfindlich darauf reagieren, kann so eine Krankheit ausgelöst werden.“ Bei labilen Personen könne solche Drogen Psychosen auslösen, beispielsweise Schizophrenie.

Auch geringe Mengen können dafür reichen: „Psychosen treten nicht nur bei mehrfachem Konsum auf.“ Schon der erste Joint könne reichen. „Das ist unberechenbar“, betont Fiebich. Das macht die Droge sehr gefährlich.

 

Nicht nur die Psyche kann leiden. „Rauchen schadet dem Körper“, sagt Fiebich. Die Lunge werde geschädigt, das Krebs­risiko steigt. Ein Joint sei so schlimm wie sieben oder acht Zigaretten. Cannabisprodukte wie Kekse oder Muffins zu essen sei verträglicher als das Rauchen. Doch die Stoffe kämen schlagartiger ins Blut. Die Gefahr: Ohnmachtsanfälle. Experte Fiebich ist entschieden gegen eine Legalisierung. Allein wegen der Nebenwirkungen.

Er sieht in Cannabis jedoch auch Vorteile. Im Labor untersucht er die Möglichkeiten, die Pflanze medizinisch zu nutzen. Die entzündungshemmende und schmerzlindernde Wirkung ist bekannt. Bereits heute können schwerkranke Patienten in Deutschland Cannabis in der Apotheke bekommen. „Mit den positiven Wirkungen hat man sich in den letzten Jahrzehnten zu wenig aus­inandergesetzt“, sagt Fiebich.

* Name von der Redaktion geändert

 

Infobox: THC

Cannabis

Cannabis ist die in Deutschland am häufigsten konsumierte verbotene Droge. Aus der weiblichen Hanfpflanze wird. Haschisch oder Gras gemacht. In ihren Blüten und Blättern sind Harzdrüsen, die den berauschenden Stoff THC (Tetrahydrocannabinol) beinhalten. Die getrockneten Blüten werden als Gras oder Marihuana bezeichnet, das gepresste Harz heißt Haschisch. Die häufigste Konsumform ist das Rauchen von Haschisch oder Marihuana pur oder gemischt mit Tabak als Joint. Häufig werden auch Bongs und Pfeifen zum Rauchen verwendet.


Pharmakologie

Bei regelmäßigem Konsum kann sich ein Toleranzeffekt entwickeln, das heißt, die Dosis muss ständig erhöht werden, um die gewohnte Wirkung zu erzielen. Es ist nach neuesten Studien unstrittig, dass Cannabis­konsum mit einem erhöhten Risiko für die Auslösung psychischer Erkrankungen verbunden ist. Wird Cannabis geraucht, entstehen bei der Verbrennung – ähnlich wie beim Tabak – krebserregende Stoffe.

 

 

Pro und Contra

Diskriminierte Wunderpflanze - Kommentar von Leonardo Wehrle

Immer mehr Leute kiffen, allein das spricht für eine Legalisierung. Denn auf dem Schwarzmarkt wird die Droge mit anderen Substanzen gestreckt. Legal könnte sie kontrolliert verkauft werden. Die Kriminalität sinkt, der Staat verdient. In der Apotheke gibt’s Cannabis jetzt schon. Denn die Droge hat eine medizinische Wirkung. Sie hilft bei Übelkeit, Appetitlosigkeit, Schmerz oder Angstgefühlen. Eine wahre Wunderpflanze. Alkohol ist legal, dann sollte es Cannabis auch sein. Marihuana macht höchstens psychisch abhängig, Alkohol auch körperlich. Bis jetzt gibt es weltweit keinen eindeutigen Beweis von Todesfällen durch Cannabis. 2015 sind laut Statistischem Bundesamt Wiesbaden 74.000 Menschen in Deutschland bei Verkehrsunfällen umgekommen. Weil sie betrunken gefahren sind.



Gefährliche Droge - Kommentar von Evan Davies

Cannabis ist psychoaktiv und gefährlich. Wer kifft, kann Halluzinationen und Angstattacken bekommen. Auch ängstlich-depressive Verstimmungen sind möglich. Sogar Schizophrenie mit Verfolgungswahn. Wer bekifft oder gar nur mit Spuren im Blut Auto fährt, riskiert seinen Führerschein. Selbst wenn man nicht fährt, kann der Lappen weg sein – denn regelmäßige Konsumenten werden als fahrunfähig eingestuft. Als gesichert gilt, dass der regelmäßige Konsum zu psychischer Abhängigkeit bis hin zu Persönlichkeitsveränderungen führen kann. Bernd Fiebich spricht sogar von einer Verminderung des Hirn­volumens, verminderter Intelligenz und Lernfähigkeit. Kiffen ist verboten. Das ist gut so.

 

 

 

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