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Leute & Leben

„Svenjas Reise“ – ein f79-Blog / Folge 8: Das erste Vierteljahr ist rum

f79-Autorin Svenja macht derzeit einen einjährigen Schüleraustausch am Ende der Welt. Genauer gesagt befindet sie sich in der Stadt Punta Arenas in Chile. Von dort aus schreibt sie für euch regelmäßig ihre Eindrücke und Erlebnisse auf und hält diese auch in Bildern fest. Ein Vierteljahr ist Svenja jetzt dort: Inzwischen spricht sie fließend spanisch, besucht eine Jonglage-AG und geht sogar regelmäßig joggen. Bushido würde wohl sagen. "Zeiten ändern Dich!"

 
 

Hallo Freiburg,


Schon mehr als drei Monate
bin ich nun schon in Punta Arenas und ich muss sagen: Die Zeit ist echt geflogen! Ich habe schon soviel erlebt, so viele neue Erfahrungen gemacht und so viele Freunde gefunden, die ich auf keinen Fall missen möchte. Vor zwei Wochen hatten wir ein AFS- Treffen in Castro, einer wunderschönen Stadt auf der Insel Chiloe. Alle Austauschschüler aus dem Süden Chiles kamen dort zusammen um sich über ihre Erfahrungen auszutauschen und die Insel kennenzulernen. Ich habe mich sofort in die Insel verliebt und mir schon auf der Busfahrt die Finger wund geknipst.

AFS hatte eine kleine Ferienhaussiedlung für uns alle gemietet und so waren alle „Intercambios“ ganz dicht beieinander. Also wenn es nach mir geht, war das auch die schönste Ferienhaussiedlung auf Chiloe, denn wir sind jeden Morgen mit Meerblick aufgewacht (Bild unten). Von unseren „Cabañas“ aus (den Ferienhäusern) konnte man auch die Nachbarinseln sehen und der Strand war wortwörtlich direkt vor der Haustür.

Wir haben sehr viel gesehen von der Insel und natürlich-wie sich das gehört in Chile - auch sehr viel gegessen. Eine Spezialität von Chiloe zum Beispiel ist „curanto“. Viele nur erdenkliche Muscheln und Meeresspezialitäten, dazu eine Art Kartoffelmuß und Berge von verschiedenem Fleisch. Das besondere daran ist, dass das alles in einem Erdloch zubereitet wird. Wir durften dabei zusehen, wie es gemacht wird:

 

  1. Feuer in einem Loch machen
  2. Irgendeine Art von Gitter darüber legen und das ganze mit einer Leinendecke abdecken
  3. Zuerst die Muscheln darauf legen
  4. Danach das Fleisch – Blutwürstchen, Steaks, Alles, was das Herz begehrt
  5. wieder mit einer Decke abdecken und die Kartoffelmußfladen (welche in Plastikfolie eingewickelt sind) darauf verteilen
  6. Um den Berg herum belaubte Äste legen (die sollen die Wärme halten) und wieder Decken drüber
  7. Darüber werden Rasenstücke gelegt (So wie bei Rollrasen einfach Gras mit Erdboden)
  8. Warten
  9. Warten...
  10. Warten
  11. Dann endlich alles wieder abschichten und schnell zu Tisch! Mmh, rico!


Wir haben auch eine Marineschule besucht.
Das ist eine normale Schule, in der neben den Klassikern wie Mathe und Geschichte, der Schwerpunkt im Meer liegt. Der Englischlehrer der Schule hat uns alles gezeigt und uns erklärt, dass das eine Schule für ärmere Kinder ist, die dort die Möglichkeit haben, auf praktische Berufe rund um das Meer vorbereitet zu werden. Kochen (Also wie in einer Großküche), Tauchen, Kajak fahren, Meerestheorie... Alles als normale Unterrichtsfächer mit Note.

Die typische Sehenswürdigkeit in Castro sind die „Palafitos“. Das sind kleine Holzhäuser mit Holzstelzen im Meer, so wie in Venedig. Die Häuser sind wunderschön und das absolute Touri - Highlight (Bild oben).

Ein weiteres großes Highlight war eine sehr positive Überraschung. Wir stiegen aus dem Bus und die Betreuer meinten, wir hätten jetzt erst einmal Freizeit. Wir standen vor einer riesigen... Na ja, Halle kann man das eigentlich nicht nennen... also vor einer riesigen überdachten Ansammlung von kleinen Verkaufstischen. Das Material der Verkaufsware war an allen Tischen gleich: Holz und Wolle. Und alles selbst gemacht. Neben den Tischen saßen oder standen die Verkäufer und fertigten eigenhändig an, was sie später verkauften: Wollmützen, Handschuhe, Socken mit Lamas drauf, dicke Winterpullis, Hippiepulis, kleine Püppchen (Bild unten), Schlüsselanhänger, noch mehr Mützen, noch mehr Strümpfe, Schals in jeder erdenklichen Farbe, Form und Größe, Stulpen, Pulswärmer, Leinenhosen, kleine Holzspielzeuge, Geschicklichkeitsspiele... Die ganze Gruppe stürmte los und ich konnte mich gar nicht satt sehen. Ich war im Paradies.


Später erklärten mir meine Freunde
in Chile, dass man an genau diesen Utensilien die Touristen in Punta Arenas erkennt. Und tatsächlich: Wir waren im Supermarkt und ich sah eine Frau mit buntem Hippiepulli, lauschte genau hin und hörte sie englisch sprechen.

Letztes Wochenende habe ich an einem Zirkusworkshop teilgenommen. Ich ging am Freitag hin mit der festen Überzeugung, ganz viel zu jonglieren und gleich in den ersten zehn Minuten eröffneten uns unsere Trainer, dass wir viel machen werden, doch eben gerade nicht Jonglieren. Kurzer „Och nö“ Moment, denn ich verstand nicht, was wir stattdessen machen würden. Die Alternative war aber viel besser, denn sie hatten ja recht: Fast alle der Gruppe konnten schon jonglieren, die meisten sogar ziemlich gut. Unsere Lehrer haben mit uns alles rund um Akrobatik gemacht. Wir haben in diesem Wochenende so viel neues gelernt und konnten dadurch unser Repertoire enorm erweitern. Ich kann jetzt zum Beispiel „Tela“, dieses lange elastische „Band“, an dem man Kunststücke machen kann. Nicht gut, aber ich habe eine Grundlage und ein paar Freunde, die das auch können und so kann ich daran weiter arbeiten. Aber meine Herren, hab ich geflucht, als ich am Montag Morgen versucht habe, mich aufzurichten und erst mal wieder zurück in die Kissen gesunken bin- Nach drei tagen Akrobatik und Tela und so viel neuem war mein ganzer Körper ein einziger Schmerz. Ja ja, alles hat seinen Preis.


Ich habe mittlerweile eine „Jogginggruppe“ mit zwei Freunden und wir joggen immer am Strand entlang bis in die Innenstadt und wieder zurück. Das ist eine ganz schöne Strecke, doch geteiltes Leid ist halbes Leid und es macht immer Spaß. Freitags gehe ich mit zwei Freunden in eine Schule, in der es eine Jonglage-AG gibt und die beiden sind so eine Art Trainer dort. Das macht mir auch immer total spaß und ich lerne viel neues. Ja, ich bin momentan ziemlich viel in Richtung Zirkus unterwegs und das finde ich total toll. Es bieten sich mir immer neue Möglichkeiten, und Gruppen, zu denen ich gehen kann und es macht mir Spaß, mich mit den anderen auszutauschen. Ich habe jetzt ein neues Ziel: Ich möchte besser im Umgang mit der Tela werden. Ich habe auch schon gemerkt, dass man Jonglage und Tela problemlos verbinden kann ;-)


Mein Spanisch ist auch echt angenehm gut geworden.
Es ist keine große Mühe mehr, über Alltagsdinge zu sprechen und das läuft. Nur wenn es dann in Richtung Fachgebiete geht, ringe ich manchmal noch nach Vokabeln, doch das Wörterbuch brauche ich in Konversationen nicht mehr, nur noch hin und wieder beim Übersetzen von Texten in der Schule. Doch ich traue mich noch nicht, es endgültig aus meiner Tasche zu nehmen. Am Anfang, in den ersten paar Wochen, habe ich das Wörterbuch sogar mit zum Essenstisch genommen, in meine Tasche gesteckt, wenn wir spazieren gegangen sind, es war einfach immer noch dabei, mein Kommunikationsmittel, der Retter in der Not. Jetzt brauche ich es nur noch, um Dinge wie „Bruttoinlandsprodukt“ oder „Gemeinschaftswissenschaften“ nachzuschlagen.


Alles in allem geht es mir gerade sehr gut, ich versinke immer tiefer in der chilenischen Kultur und genieße es jeden Tag mehr, hier zu sein, denn die Anfangsschwierigkeiten sind jetzt vorbei. Ich kann mich wann ich will mit wem ich will über was ich will unterhalten und es ist so ein gutes Gefühl, dass alle jetzt mit mir wie mit jedem anderen auch reden und keine Rücksicht mehr auf mich nehmen müssen. Mit mir kann man jetzt ganz normal spanisch reden und sie verstehen mich jetzt auch.

 
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